Olaf Scholz
29.11.2019

internationales Symposium Bauhaus-Archiv; Museum für Gestaltung; original bauhaus

 
 
Sehr geehrter Herr Dr. Köhler,
sehr geehrte Frau Dr. Jaeggi,
sehr geehrte Frau Dr. Bärnreuther,
sehr geehrter Herr Prof. Nerdinger, 
liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrte Damen und Herren,
 
„morning cleaning“ heißt ein Foto von Jeff Wall. Es zeigt den Innenraum des Barcelona Pavillons. Das Gebäude ist eine Rekonstruktion des Originals von 1929. Mies van der Rohe zeigte damit auf der Weltausstellung die Leistungsfähigkeit von Handwerk und Industrie der Weimarer Republik. Spanische Architekten haben ihn in den 1980er Jahren wieder aufgebaut. Er gilt als ikonische Darstellung der modernen Architektur. 
Es gibt zahllose Fotos von dem Pavillon. Aber das Bild von Jeff Wall ist besonders: Der Teppich liegt schräg, die Design-Stühle stehen nicht in der Reihe und der Vorhang hängt auch irgendwie schief. Und dann ist da noch ein Arbeiter mit einem gelben Wisch-Eimer. 
 
Jeff Walls Foto ist eine Inszenierung aus dem Jahr 1999. Aber es sagt viel über das Bauhaus und die Tradition des neuen Bauens – oder was daraus geworden ist. Denn es ist klar: Dem Mann, der da putzt, gehört das Haus nicht und er wohnt auch nicht in der Nähe. 
 
Bezahlbare Produkte mit hoher Qualität für die Masse zu schaffen; 
Dinge, die zum Alltag gehören und die industriell gefertigt werden können, künstlerisch zu durchdenken; 
die technischen Fähigkeiten der Zeit zu nutzen um gute Wohnungen für Arbeiter zu bauen –kurz, die Demokratisierung des Guten und Schönen, das ist ein Kern all der heute verbreiteten Geschichten vom seinerzeitigen neuen Sehen, neuen Denken und neuen Bauen. Wir wissen, dass diese Interpretation etwas einseitig ausfällt.
 
Und wir wissen auch, dass die Stühle, die Sofas und die Lampen mit dem Design der Zeit inzwischen Symbole der Wohnkultur der gehobenen Mittelschicht geworden sind, die darin etwas Besonders sieht. Auch die ehemaligen Arbeiterwohnungen gehören heute oft nicht denen mit kleinen Einkommen. Im kulturellen Kapitalismus unserer Zeit signalisiert das Label „Bauhaus“ einen besonderen Wert; es valorisiert. Eine ironische Transformation. Jedenfalls wenn wir an manche ursprüngliche Ziele denken.
 
Sind die Arbeiterinnen und Arbeiter vergessen worden? Oder haben Architektur und Stadtplanung in der Tradition des Bauhauses heute neue und gute Lösungen für Leute wie den Mann mit dem Eimer? Ich freue mich sehr mit Ihnen über diese Fragen zu sprechen. 
 
Meine Damen und Herren, 
 
als Antwort auf die großen Fragen der damaligen Zeit wurde eine Formensprache entwickelt, die heute immer noch und von Neuem beeindruckt. Es war eine konstruktive Bewegung. Sie hat sich nicht einfach nur von dem Alten distanziert, sondern Werkstätten zahlloser positiver Ideen geschaffen – da haben sich einige etwas getraut. 
 
Das waren Frauen und Männer mit neuen Ideen und sehr genauen Vorstellungen, wie es geht, was man machen will, bis ins kleinste Detail. Ich mag die leidenschaftliche Vernunft, die man an so vielen Stellen sehen kann – in den Wohnungen für Arbeiter, in Einbauküchen mit Familientisch, in lichtdurchfluteten Fabriken, aber auch in Stühlen und Sesseln. 
 
An den Fotografien aus der Zeit, sehen wir: Es geht (auch) um eine Perspektive, Stichwort: Neues Sehen. Da gab es Bilder, die niemand als Kunst verstand, aber auch solche, die die Kunstwelt auf den Kopf stellten: Nahaufnahmen von Schrauben, der Blick durchs Geländer oder der Baum, der vom Stamm aus fotografiert wurde. Das war ganz anders als die damals übliche Inszenierung der Schönen und Reichen. Die Kameras scheinen neugierig zu sein. Sie fragen: Wie sieht die Welt eigentlich von unten aus? Was haben wir bisher übersehen?
 
Auch die Konzepte des Neuen Bauens haben eine andere Perspektive. Das alte, das waren die steinernen Klassenunterschiede: Großstädte, die in Folge der industriellen Revolution enorm gewachsen waren. Die Schlote rauchten direkt neben den Wohnvierteln, die Arbeiter lebten in katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Es war laut, eng und dreckig. 
 
Vor diesem Hintergrund entstanden der Reformwohnungsbau und die Architektur der Moderne. Das Wohnen wurde neu erfunden – was das bedeutet, sieht man noch heute an Siedlungen in Berlin, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt: Es gab nun Wohnungen mit Zentralheizung und Warmwasser, für die damalige Zeit war das ein ungewöhnlicher hoher Komfort – und eigentlich undenkbar für Arbeiter. Die Leute waren stolz darauf, da einziehen zu können. Und auch heute wohnt man darin meist sehr gut.
 
Dass überhaupt so viele und so schöne Siedlungen entstanden, verdankt sich einer historisch bemerkenswerten Dynamik: der Verknüpfung von gesellschaftlichem, politischem und architektonischem Aufbruch. Die Projekte wurden von Bürgermeistern, Baustadträten oder Oberbaudirektoren realisiert. Zudem gab es mit den Genossenschaften neue Eigentums- und Kreditformen, das gesamte Planen und Bauen wurde neu organisiert, es entstanden beeindruckend zeitlose Wohnungen in großer Zahl. 
 
In dieser Auseinandersetzung mit gewordener Realität, die für das Bauhaus und die Bewegungen der neuen Sachlichkeit so typisch ist, zeigt sich eine zutiefst soziale und demokratische Haltung. Zu fragen, wie die Dinge aussehen müssen, damit es für die gut ist, die sie nutzen – und dabei nicht die Hälfte oder die meisten zu vergessen – das ist eine fortschrittliche Perspektive. Deshalb passt es hervorragend, dass Sie das Bauhaus-Jubiläumsjahr als internationalen Lernraum konzipiert haben. Denn wir stehen vor vergleichbaren Fragen und brauchen wieder neue Formen und Lösungen. 
Meine Damen und Herren, 
 
Architektur ist die Kunst, die am meisten unmittelbaren Einfluss auf den Alltag hat. Die Bewegung des Neuen Bauens hat das verstanden. Entsprechend wurden Konzepte entwickelt, wie man mit den Mitteln des Bauens und Gestaltens ein Gemeinwesen formen kann. 
 
In den Manifesten und Zitaten aus der Zeit steckt ein bemerkenswertes Zutrauen zu den eigenen und zu den gesellschaftlichen Fähigkeiten. Sie wurden von der Vorstellung getragen, dass man es besser machen kann. Geschrieben von Männern (und wenigen Frauen), die Lust auf die Zukunft hatten, weil sie wussten, dass sie am Anfang von etwas Neuem stehen.
 
Aber da ist in manchen Texten auch ein Ton, der nachdenklich macht und der heute überhaupt nicht mehr passt: Der schon erwähnte Wunsch alles von Grund auf neu zu machen, gepaart mit der festen Überzeugung, zu wissen, wie es richtig ist: Und zwar für alle. 
 
Dieses didaktische Programm, das Sehen zu revolutionieren, die Städte von Grund auf neu zu bauen, die Gesellschaft, ja die ganze Welt zu verändern und einen neuen Menschen zu erschaffen, diese Art der Utopie ist heute höchst befremdlich. Darin ist eine holistische Unbedingtheit, die autoritär wirkt. Zum Bauhaus gehören auch Fehlurteile und höchst fragwürdige Handlungen. 
 
Die Anfänge waren eher esoterisch und haben Vorbilder in der Vergangenheit gesucht. Und obwohl das Bauhaus von den Nationalsozialisten bekämpft und aufgelöst wurde, haben manche Bauhäusler mit den neuen Machthabern paktiert und schlimme Dinge getan. 
 
Auch vor diesem Hintergrund meine ich, das Bauhaus feiern wir sehr gut auch damit, zu fragen, welche Richtungen zum Beispiel das Bauen für die nächsten Jahrzehnte nehmen muss. Wie sieht die Architektur für die offene Gesellschaft aus? Wenn es doch stimmt, dass die Architektur die Kunst ist, die am meisten unmittelbaren Einfluss auf das Zusammenleben von Menschen hat, wie müssen wir dann bauen?
 
Wir verstehen heute Städte und Zusammenleben als ein höchst komplexes Gefüge. Das verlangt Quartiere, in denen sich Vielfalt zuhause fühlt, und Wohnungen, die zu unterschiedlichen Lebensphasen und Lebensentwürfen passen. 
 
Die Stadtgesellschaft ist von unterschiedlichsten Milieus und Kulturen gekennzeichnet. Die Begegnung der Vielen und Verschiedenen, die Reibung, das Nebeneinander und die kreative Mischung höchst unterschiedlicher Lebensentwürfe ist das, was Städte lebenswert macht. Aber gerade diese Tradition der europäischen Stadtkultur steht vor großen Herausforderungen:
 
Unsere Städte wachsen und es gibt zu wenig Wohnungen. Man sieht es in Berlin, Frankfurt, Hamburg oder München, wie die Knappheit die Mieten steigen lässt. In Kopenhagen, Oslo, Stockholm, Helsinki oder Paris und in London ist es bereits viel, viel teurer. Dort können sich Normalverdiener in den Innenstädten keine Wohnung mehr leisten. Der Boom der Städte geht einher mit sozialer Verdrängung und kultureller Verarmung der Innenstädte. „The New Urban Crisis“ hat der US-amerikanische Ökonom Richard Florida diese Entwicklung genannt. Aber wir wollen, dass in unseren Städten auch Krankenschwestern, Taxifahrer oder Lehrerfamilien eine Wohnung finden. 
 
Eine lebendige Stadt braucht bezahlbare Gewerbeflächen für kleine Unternehmen und Handwerker. Und es müssen ausreichend Wohnungen da sein: Eigentumswohnungen, Wohnungen für den freien Mietmarkt und Sozialwohnungen. Hunderttausende Wohnungen müssen in Deutschland jetzt jedes Jahr gebaut werden. 
 
Zwei Aspekte will ich deshalb aufgreifen, die in der öffentlichen Diskussion selten angesprochen werden, für die wir aber hier, im Rahmen des Bauhaus-Jubiläums, wertvolle Anknüpfungspunkte finden: Das serielle Bauen und die funktionsgemischte Stadt.
 
Erstens: Die Preise für Wohnungsbau müssen runter, dafür müssen wir alle Möglichkeiten der industriellen und digitalen Produktion nutzen. Es gibt in Deutschland eine relativ hohe Zahl von Haushalten, die einen Wohnberechtigungsschein beanspruchen können. Deshalb müssen wir die Zahl der Sozialwohnungen auf hohem Niveau halten und darauf achten, dass gerade auch an attraktiven Stellen ein ordentlicher Anteil an Sozialwohnungen entsteht. 
 
Bauen ohne Förderung für acht Euro Kaltmiete, solide ausgestattet, das wäre auch jetzt schon möglich – wenn sich das Bauen auch an Modelltypen orientieren würde. Und wenn die Prozesse effektiver sind. Auch klimaneutrales Bauen und Sanieren lässt sich mit seriellen Lösungen viel preiswerter realisieren. Es muss künftig um beides gehen: bezahlbares Wohnen und Klimaschutz.
 
Zweitens: Vor dem Krieg und noch viele Jahrzehnte danach haben die Städte nach dem Prinzip der funktionalen Trennung gebaut: Man stellte sich vor, dass es Zentren des Arbeitens gibt, die Bürgerinnen und Bürger aber am Stadtrand wohnen wollen. Das hat den Städten Verkehrsschneisen und isolierte Wohninseln beschert, mit großen Folgeproblemen für den sozialen Zusammenhalt, die Lebensqualität und das Klima. Dass die „autogerechte Stadt“ mal ein positives Attribut war, kann man sich kaum noch vorstellen. 
 
In der Charta von Leipzig, die etwa 12 Jahre alt ist, haben die Europäischen Städte unsere heutigen Vorstellungen zusammengefasst. Wir wollen eine Stadt, in der sich Funktionen und Milieus mischen, die kompakt und beweglich ist, die sich nach innen entwickelt und auch auf Nachhaltigkeit achtet. Aber der rechtliche Rahmen ist noch durch ein anderes Modell geprägt: 
 
Die funktionelle Stadt, das darf nicht verschwiegen werden, ist das Leitbild, das uns das Bauhaus hinterlassen hat, die Charta von Athen. Sie prägt immer noch unsere Stadtplanung. Deshalb ist es schwer Kitas oder Sportplätze in Wohngebieten zu schaffen oder Wohnungen im Hamburger Hafen zu bauen. Es ist ein mühsamer Prozess, das zu ändern. Immerhin ist es 2017, übrigens auf Initiative von Hamburg, gelungen, einen neuen Paragrafen in die Baunutzungsverordnung einzufügen (§ 6 a BauNVO). Jetzt versteht das Baurecht, dass es urbane Gebiete gibt und es gut für die Stadtkultur ist, wenn gewerbliche Nutzung und Wohnungen nebeneinander existieren.  
 
 
Meine Damen und Herren,
 
die Utopie nicht in der Vergangenheit zu sehen und die Zukunft nicht apokalyptisch zu beschreiben, sondern den Aufbruch zu wagen, mit all dem, was wir können – dafür kann auch 100 Jahre später die Beschäftigung mit der Tradition des Bauhaus stehen. 
 
Wir brauchen sie wieder, diese kreative Unruhe, das Zutrauen in die handwerklichen und technischen Fähigkeiten, die das Bauhaus und die Bewegung des Neuen Bauens auszeichnen. Wir müssen sie kombinieren, mit dem, was wir in den letzten 100 Jahren gelernt haben. 
 
Zum Beispiel, dass jede Stadt andere Antworten braucht. Dass wir in Umbruchzeiten alle mitnehmen müssen, aber sich niemand anmaßen sollte, für alle zu sprechen. 
 
Die offene Gesellschaft beginnt immer mit dem Grundsatz: Den Menschen, sowohl in der eigenen Person als auch in der jedes anderen, stets als Ziel und nie als Mittel zu betrachten, egal wie super die Utopie aussehen mag. 
 
Dass das Dreieck gelb, der Kreis blau und das Quadrat rot zu sein hat (Wassily Kandinsky), ein für alle Mal, diese Meinung kann man teilen, aber auch für vollkommenen Unsinn halten. In der offenen Gesellschaft muss man akzeptieren, dass Städte auch ein Durcheinander verschiedener Stile sind. Dass sie in Bewegung sind, geprägt durch die veränderten Haltungen dazu, was als schön und ästhetisch gilt. 
 
In dieser Gesellschaft der Singularitäten, wie Andreas Reckwitz die Spätmoderne nennt, zugleich Zusammenhalt und deshalb Lösungen für viele zu finden, das ist unsere Aufgabe für die Zukunft. 
 
Denn es geht nicht nur um Kunst, Ästhetik und Kultur, sondern am Ende auch um die Stabilität unserer Demokratie.
 
Und nun freue ich mich auf die Diskussion mit Ihnen.
 
Vielen Dank! 
 

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