Olaf Scholz
05.11.2019

Rede zur Eröffnung des 29. FilmFestival Cottbus

Ich freue mich sehr, hier bei Ihnen in Cottbus zu sein. Das ist der perfekte Ort für ein Festival des osteuropäischen Films: Es sind nur wenige Kilometer zur polnischen Grenze, die zum Glück seit Mai 2011 keine Grenze mehr ist, die uns trennt.

Was ganz wesentlich mit Solidarność in Polen begann und dann 1989 zur Öffnung des Eisernen Vorhangs und später der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten führte, war der Beginn einer Zeit, in der Grenzen immer mehr ihre Bedeutung verloren.

Gut, dass das FilmFestival Cottbus mit der Reihe „Bleibt alles anders?!“, übrigens unterstützt durch die Bundesstiftung Aufarbeitung, in diesem Jahr noch einmal den filmischen Blick auf die Wendezeit richtet. Und so die Perspektive derjenigen zeigt, deren Leben durch die Wende durcheinandergewirbelt wurde.

Ich selbst habe in den 1990er Jahren die wirtschaftliche Transformation in den ostdeutschen Bundesländern hautnah erlebt. Als Fachanwalt für Arbeitsrecht habe ich die Betriebsräte vieler ostdeutscher Unternehmen bei den Sozialplanverhandlungen vertreten, oft gegenüber der Treuhand.

Die Aufgabe, den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft zu gestalten, war gewaltig. Wir haben miteinander um jede einzelne Firma gerungen. Trotzdem verloren, wie jeder weiß, viele ihren Arbeitsplatz. Es ging um individuelle Schicksale, um individuelle Auswirkungen der Transformation.

Diese Erfahrungen teilt der Osten Deutschlands mit den Ländern, die im Mittelpunkt dieses Filmfestivals stehen, den Ländern Mittel- und Osteuropas.

Die meisten Bürgerinnen und Bürger im Westen Deutschlands nahmen die Wiedervereinigung und das Ende des kalten Krieges quasi als Zuschauer wahr. Lange Zeit schien für viele von ihnen eine Reise in die Dominikanische Republik naheliegender als nach Prag oder Posen.

Auch heute noch wissen viele in Deutschland viel zu wenig über unsere östlichen Nachbarn. Deshalb ist es gut, dass das FilmFestival Cottbus seinen Besucherinnen und Besuchern nun schon zum 29. Mal die Gelegenheit gibt, mehr über die Länder Mittel- und Osteuropas zu erfahren. Die Filme lassen uns das Leben, die Kultur, die Kunst in unseren Nachbarländern erleben. Und räumen so auch mit dem ein oder anderen Klischee auf.

Das FilmFestival Cottbus ist aber nicht nur gut wegen der tollen Einblicke in die mittel- und osteuropäische Filmwelt. Sondern es ist auch wichtig für die Stadt Cottbus, die in den Festival-Tagen einmal mehr zeigen kann, was in ihr steckt.

Cottbus spielt auch in anderer Hinsicht eine wichtige Rolle: Als wirtschaftliches Zentrum der Lausitz wird die Stadt eine große Bedeutung dafür haben, wie der Strukturwandel gelingt, der sich durch den Ausstieg aus der Kohleverstromung in den kommenden 20 Jahren vollziehen wird. Die Bundesregierung unterstützt die betroffenen Regionen dabei; schon in diesem Jahr wurden Projekte mit dem Sofortprogramm gefördert. Wie man den Strukturwandel vor Ort anpackt, wird den Unterschied machen. Dabei sind die Erfahrungen aus der Wendezeit sicher nützlich. Ich habe gehört, Cottbus wird bald am Ostsee liegen; das klingt doch vielversprechend.

Ich habe anfangs von der Zeit gesprochen, als Grenzen verschwanden. Diese Zeit scheint seit einigen Jahren vorbei. Im Gegenteil: man hat den Eindruck, dass wieder neue Grenzen entstehen. Wie zum Beispiel in Nordamerika, wo eine neue Mauer gebaut wird.

Neben physischen Grenzen scheinen sich auch neue Grenzen innerhalb unserer Gesellschaften zu entwickeln. Populisten schüren Ängste gegen das vermeintlich Fremde und wollen unsere Gesellschaft spalten. Das dürfen wir nicht zulassen!

In vier Tagen, am 9. November, jährt sich die Maueröffnung zum 30. Mal und die Ausrufung der Republik zum 101. Mal. Aber auch die schrecklichen Pogrome gegen jüdische Einwohnerinnen und Einwohner des Jahres 1938 geschahen am 9. November. Der Anschlag in Halle vor vier Wochen hat uns auf furchtbare Weise daran erinnert, dass wir nicht aufhören dürfen, gegen Antisemitismus, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen den Hass auf alle, die vermeintlich anders sind, zu kämpfen. Nicht nur an Jahrestagen, sondern jeden Tag.

Cottbus heißt soviel wie „Siedlung des wachsamen Helden“. Ich finde, das passt ganz gut in unsere heutige Zeit. Wir sollten alle wachsam sein gegenüber den falschen Versprechungen der Populisten. Und wir sollten für unsere Überzeugungen einstehen. Dafür muss nicht jeder von uns eine Heldin oder ein Held sein. Wichtig ist, dass alle Demokraten zusammenhalten, dass wir die Freiheit verteidigen, die 1989 erkämpft wurde, und niemanden gewähren lassen, der neue Grenzen aufbauen will – weder in den Köpfen noch zwischen Ländern.

Die Kunst, die Filme dieses Festivals, leisten ihren Beitrag dazu. Deshalb freue ich mich auf meinen letzten Satz: Hiermit eröffne ich das 29. FilmFestival Cottbus!

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