Olaf Scholz
03.09.2019

Rede bei der Festveranstaltung Jungheinrich Konzernzentrale

Sehr geehrte Familien Wolf und Lange,

sehr geehrter Herr Peddinghaus,

sehr geehrte Mitglieder des Aufsichtsrates und des Vorstandes,

sehr geehrter Herr Frey,

sehr geehrter Herr Dr. Brzoska,

meine Damen und Herren,

 

als ich vor einer ganzen Weile die Einladung zu der heutigen Festveranstaltung bekam, habe ich sofort gedacht: Das möchte ich gerne machen. Den Termin frei zu halten, war dann in den letzten Wochen gar nicht so einfach, denn es ist ja ordentlich was los.

 

Aber es hat geklappt und ich bin auch sehr gerne hier. Das Unternehmen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Würdigung verdient. Jungheinrich steht nicht nur für regelmäßig gute Kennzahlen, sondern auch für eine bemerkenswerte Unternehmensphilosophie. Es ist sehr viel sehr richtig gemacht worden, und um zu erläutern, was aus meiner Sicht das Besondere daran ist, möchte ich mit Ihnen über Hamburg hinaus und in die Zukunft schauen.

 

Die Wirtschaft verändert sich rasant, weltweit, in Europa und bei uns. Globalisierung, Digitalisierung und die Transformation hin zu Klimaschutz und ökologisch verantwortbarem Ressourcenverbrauch bringen fundamentale Veränderungen in sehr kurzer Zeit mit sich. Die Frage, die uns alle immer wieder beschäftigt, lautet: „Was müssen wir tun, damit es für Deutschland gut weiter geht?“

 

Zwei Dinge sind dafür wichtig: Das ist einmal ein klarer Sinn für unsere eigenen Fähigkeiten: Wir wissen, die deutsche Wirtschaft ist immer dann stark, wenn sie technologisch führend ist. Das trifft auf die industrielle Produktion ebenso zu wie auf den Dienstleistungssektor. Aber weder unser Land noch ein Unternehmen darf sich mit dem begnügen, was wir gegenwärtig können. Wenn wir mit einem realistischen Blick nach vorne schauen, müssen wir eingestehen: Das wird nicht ausreichen, um unseren Wohlstand, unsere Lebensqualität und unseren Sozialstaat langfristig zu sichern.

 

Forschung und Entwicklung ist dabei eines der Themen: Da sind wir gegenwärtig schon auf einem hohen Niveau. Die OECD hat das für 2017 berechnet: 131 Mrd. USD gibt Deutschland für Forschung und Entwicklung aus. Wir stehen damit weit über dem Durchschnitt der EU-Mitgliedstaaten. Und wer macht das bei uns? Das sind Unternehmen wie Jungheinrich. Die Privatwirtschaft leistet den größeren Teil der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung, nämlich zwei Drittel der Gesamtausgaben.

 

Wie das praktisch läuft, sehen wir zum Beispiel in Norderstedt. Da hat Jungheinrich ein Entwicklungszentrum für Elektromobilität mit mehreren hundert Mitarbeitern. Kontinuierlich wird an der Verbesserung der Produkte gearbeitet. Mit dem Effekt, dass hier, in der Metropolregion Hamburg, High Tech für den Weltmarkt entwickelt wird.

 

So müssen wir das machen, in Deutschland und in Europa. Deshalb hat die Bundesregierung das Forschungszulagengesetz auf den Weg gebracht. Mit ihm bekommt Deutschland erstmals ein Gesetz zur steuerlichen Förderung von Forschung und Entwicklung. Das ist eine gute Ergänzung zu den bestehenden Formen institutioneller und projektorientierter Förderung.

 

Wir wollen in Deutschland (bis 2025) 3,5 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung ausgeben. Im Moment sind wir bei knapp über 3 Prozent. Die europäische Ebene muss auch mitziehen: Wenn alle EU-Mitgliedstaaten bei Wachstumssteigerungen die Zuwächse bei F&E so steigern würden, wie wir das in Deutschland machen, dann stünde die EU etwa gleichauf mit den USA und China. Wir brauchen mehr europäische Innovationen.

 

Forschung und Entwicklung sind eine Säule für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft. Ebenso wichtig sind gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dafür haben wir eine hervorragende öffentliche Universitätslandschaft und vor allem auch das System der Dualen Ausbildung. Was wir so selbstverständlich finden, wird überall in der Welt mit großem Respekt betrachtet, weil es so gut funktioniert. Weil Betriebe und Unternehmen wie Jungheinrich die jungen Leute in der Praxis qualifizieren. Seit Jahrzehnten wird das hier gemacht, allein 2018 haben über hundert Azubis und Duale Studenten bei Jungheinrich angefangen. Das ist für die Region eine ganz wichtige Sache. Hier wissen alle: Wer bei Jungheinrich lernt, hat eine sehr gute berufliche Perspektive.

 

Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung“ dieser kluge Satz von John F. Kennedy ist das Motto der „Dr. Friedrich Jungheinrich-Stiftung“. Die Familien Lange und Wolf haben sie 2004 zusammen mit dem Unternehmensvorstand gegründet. Das ist eine ganz wichtige Initiative, denn Logistik, Elektrotechnik und Maschinenbau sind höchst innovative Bereiche. Die Stiftung vergibt Stipendien, Auszeichnungen und fördert Lehrstühle, etwa an der Technischen Universität Hamburg. Bei Jungheinrich weiß man: Wer heute Talente fördert, hat morgen und übermorgen einen Vorsprung in der Wettbewerbsfähigkeit.

 

Voraus-Denken und in langen Linien Denken war schon immer typisch für Jungheinrich. Die Neugier auf die Zukunft und der Mut zum nächsten Schritt, gehören zur DNA des Unternehmens. Rückblickend auf die Gründungsjahre zeigt sich heute: Es war sogar der Mut, den übernächsten Schritt zu denken:

Die Ameise 55, entwickelt 1953, war schon ein Elektro-Vierrad-Stapler. Ein Elektro-Fahrzeug! Damals knackte Deutschland gerade die Millionen-grenze bei angemeldeten PKW, und die hatten natürlich alle Verbrennungsmotoren.

 

Heute ist E-Mobilität eine der großen Zukunfts-technologien. Das gilt auch für Stapler und Niedrigflorfahrzeuge. Die Nachfrage nach abgasfreien Fahrzeugen steigt kontinuierlich. Die Vorschriften für den Schutz vor Schadstoffen am Arbeitsplatz machen da ordentlich Druck auf die F&E Abteilungen. Jungheinrich hat bei den Lithium-Ionen-Akkus in Flurförderfahrzeugen die Technologieführerschaft. Das ist eine große Leistung.

 

Eine besondere Stärke hat Jungheinrich auch als Key-Player im Bereich der Industrie 4.0. IT-gestützte Mobilität für Lager und Logistik wird bei Jungheinrich vorgedacht. Von hier kommen innovative Systeme wie Fahrerassistenz, automatisierte Logistik mit intelligenten Softwarelösungen und Lösungen für automatisches Fahren. Und weil Logistik in der vernetzten Produktion immer wichtiger wird, gehört das Unternehmen auch zu den Gewinnern der Plattformökonomie: Amazon, Zalando etc. sind Ihre Direktkunden.

 

Aber um wirklich zu würdigen, was Jungheinrich in den letzten Jahrzehnten geleistet hat, müssen wir die Internationalisierung der Wirtschaft gezielt in den Blick nehmen.

 

International war Jungheinrich schon sehr früh. Manche erinnern sich noch daran, wie ungewöhnlich es anfangs war, als in Norderstedt und Umgebung die ersten Arbeiter aus anderen Ländern wohnten. Sie kamen aus dem damaligen Jugoslawien, der Türkei, Griechenland und Italien und arbeiteten mit ihren deutschen Kollegen „um die Ecke“ bei Jungheinrich. Und klar war dann natürlich auch, dass Jungheinrich die Ortsfeste unterstützte, wo sich dann alle trafen. Weltoffenheit ist hier verknüpft mit einer starken regionalen Verwurzelung.

 

Etwa parallel dazu veränderte sich der industrielle Sektor: Wir erinnern uns sicher alle noch an die 1980er Jahre, als in Hamburg der Schiffsbau zurückging und es zweistellige Prozentzahlen von Erwerbslosen in der Industrie gab. Mit der Internationalisierung der Märkte begann das Outsourcing. Immer mehr Unternehmen verlagerten Bereiche der Produktion in andere Regionen - und einige vergaßen den Heimatmarkt. Mit der Produktion floss aber auch Know-how ab und wurde in anderen Staaten genutzt.

 

Nicht so hier: Jungheinrich gehört zu den industriellen Unternehmen, die wenig Anlass zur Sorge vor Konkurrenz aus Billiglohn-Ländern haben. Stattdessen stehen wir hier in der neuen Zentrale eines Weltkonzerns, der Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze in der Metropolregion sichert.

 

Ich habe vor einigen Jahren das Werk in Shanghai besucht. Dort produziert Jungheinrich deutsche Technologie für den asiatischen Raum, natürlich elektrische Hub-Fahrzeuge.

Wir sehen daran: Seinen guten Stand, den bis heute reichenden Erfolg, verdankt das Unternehmen einem komplexen Anpassungs- und Gestaltungsprozess. Das Unternehmen ist nicht nur internationaler und digitaler geworden. Sie haben gezielt auch wichtigste Player in der Supply-Chain mit Eigentumsrechten an den Konzern gebunden. Und so können Sie auch gezielt auf Transparenz bei den Lieferketten hinarbeiten, was ja in sozialer und ökologischer Hinsicht sehr wichtig ist.

 

Auch das Geschäftsmodell hat sich verändert. Es reicht inzwischen weit über die industrielle Fertigung hinaus und umfasst komplette Logistik-Lösungen, alle Service-Leistungen und sogar Finanzdienstleistungen.

 

Das ist typisch für die Entwicklung erfolgreicher Unternehmen auf dem Weltmarkt, und dazu gehört auch der Gang an die Börse. Ich finde es bemerkenswert, dass Jungheinrich über all diese Jahre ein Familienunternehmen geblieben ist. Die Stammakten sind in der Hand der Familien und die sind auch da, wenn es mal schwierig werden sollte, wie damals in der Finanzmarktkrise.

 

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich das besondere Engagement von Ursula Lange und Hildegard Wolf, den Töchtern des Gründers Jungheinrich, hervorheben. Ihre Familien tragen den familiären Geist des Unternehmens, den alle sehr schätzen. Es freut mich sehr, dass Sie hier sind.

 

Jungheinrich ist ein hervorragendes Beispiel für die besondere Rolle und die Stärke von eigentümer- und familiengeführten Unternehmen. Für mich sind Familienunternehmer diejenigen, deren Familienleben auf die Fürsorge für das Unternehmen gerichtet ist, und die mit ihrem Verantwortungsbewusstsein das Leben von vielen Familien prägen. Oft geht das über Generationen hinaus.

 

Familienunternehmen wie Jungheinrich sind eine wichtige Grundlage für unsere soziale Marktwirtschaft. Sie schaffen Arbeitsplätze, achten und schätzen unsere Gesellschaft und – das nicht zuletzt – zahlen selbstverständlich die Steuern auch da, wo sie das Gemeinwesen nutzen.

 

Meine Damen und Herren,

 

bei Jungheinrich können wir sehr genau sehen, wie man die Zukunftsthemen richtig anpackt. Das alles ist auch der Verdienst von zwei Herren, um die es hier heute auch geht - und die ich aus gemeinsamer Arbeit gut kenne: Jürgen Peddinghaus und Hans-Georg Frey.

 

Lieber Herr Peddinghaus, Sie haben Jungheinrich als Aufsichtsratsvorsitzender mit unternehmerischer Erfahrung und diplomatischem Geschick geprägt. Es gibt viele, die Ihren Abschied sehr bedauern. Aber Sie übergeben die Verantwortung ja an Hans-Georg Frey, eine Person, die seit Jahren stets mit Vollgas für das Unternehmen unterwegs ist.

 

Lieber Herr Frey, auch für Sie ist es heute ein Abschied. Seit 2007 standen Sie an der Spitze des Vorstandes. Sie haben den Konzern sehr gut geführt und jetzt auch für einen guten Übergang gesorgt.

 

Sie haben beide für den Konzern Enormes geleistet, aber immer auch daran gedacht, dass die Wirtschaft in die Gesellschaft eingebettet sein muss. Ich freue mich, dass mit Dr. Lars Brzoska diese Tradition des Unternehmens fortgesetzt wird.

Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg und alles Gute für die Zukunft!

 

Schönen Dank. 

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