Olaf Scholz
22.06.2019

Interview mit dem "SPIEGEL"

 
SPIEGEL: Herr Scholz, wir wollen mal nicht über die Krise der SPD mit Ihnen sprechen, sondern über Sie persönlich und Ihr Verhältnis zur SPD. Was ist da zwischen Ihnen und Ihrer Partei schief gegangen?
Scholz: Ich bin seit 1975 in der SPD und fühle mich dort sehr zu Hause. 
 
SPIEGEL: Man hat häufig den Eindruck, die SPD und Sie hätten nicht allzu viel miteinander zu tun.
Scholz: Ihren Eindruck finde ich schräg. Als Arbeitsminister habe ich Branchenmindestlöhne durchgesetzt, mit der Kurzarbeit viele Beschäftigte vor Arbeitslosigkeit bewahrt, als Bürgermeister in Hamburg gebührenfreie Kitas und flächendeckend Ganztagsschulen eingeführt, den Wohnungsbau früh und energisch vorangetrieben. All das bin ich auch. 
 
SPIEGEL: Neulich, in einer Sitzung der Bundestagsfraktion, hielt Ihnen ein Parteifreund vor, Sie würden in seinem Wahlkreis als „kaltherziger Technokrat“ gelten. Berührt Sie so ein Urteil? 
Scholz: Und ob, auch wenn es nur genau einer war, der sich so geäußert hat. Ich mache Politik ja nicht, weil mir nichts Besseres eingefallen ist. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, und ich bin Sozialdemokrat durch und durch. 
 
SPIEGEL: Warum sind Sie eigentlich in die SPD eingetreten? 
Scholz: Ich war Schüler und wollte etwas für Gerechtigkeit tun. Ich war schon immer sehr politisch engagiert, bin früh Schulsprecher geworden in meinem Gymnasium am Hamburger Stadtrand. 

SPIEGEL: Wann? 
Scholz: In der achten oder neunten Klasse. Ich glaube, mein Engagement hat etwas zu tun mit der Einstellung meiner Eltern. Meine beiden Brüder und ich haben viel mit ihnen diskutiert. Meine Eltern fanden Helmut Schmidt und Willy Brandt gut. Ich habe schon damals Schmidt und Jürgen Habermas geschätzt. Später, bei den Jusos, war ich dann etwas grundsätzlicher unterwegs.
 
SPIEGEL: Sie waren damals stramm links, bei den Jusos gehörten Sie zum Flügel der Kritiker des staatsmonopolistischen Kapitalismus. Wie sind Sie von dort dahin gelangt, wo Sie heute stehen?
Scholz: Ich habe bei den Jusos mit Mitte Zwanzig aufgehört. Ich bin umgezogen, habe meinen Unterbezirk verlassen und als Anwalt angefangen. Ich war einfach ein paar Jahre gar nicht politisch aktiv, bevor ich später wieder als Beisitzer im Ortsverein anfing. In dieser Zeit habe ich viele meiner Positionen überdacht. Diese Pause empfinde ich als großes Glück. 
 
SPIEGEL: Warum? 
Scholz: Ich habe mich entgiftet, die Praxis wurde für mich wichtiger als die Rituale einer politischen Organisation. Wir hatten bei den Jusos heftige Auseinandersetzungen, obwohl wir ja als Freunde auch eine gute Zeit haben wollten. Diese Ambivalenz war manchmal sehr anstrengend, und die Pause hat mich entspannt. 

SPIEGEL: Bräuchten Sie eine solche Entgiftung heute noch mal? 
Scholz: Nein, eben nicht. Ich kann andere Meinungen gut akzeptieren. Ich könnte meine Arbeit sonst nicht so machen, wie ich sie mache. 
 
SPIEGEL: Gibt es aus Ihrer linken Vergangenheit etwas, das Sie noch in sich tragen? 
Scholz: Mir hilft bis heute, dass wir uns damals unglaublich intensiv mit Wirtschaftstheorien auseinandergesetzt haben, rechten wie linken. Aber das, was ich damals geglaubt habe, halte ich heute überwiegend für falsch. Der Feminismus, die Lösung der ökologischen Probleme waren auch neu und passten nicht zu allen alten Theorien. Ohne sie ist moderne Politik nicht denkbar. 
 
SPIEGEL: Wenn Sie mal den Juso Scholz auf den Vizekanzler Scholz blicken lassen: Was würde der kritisieren?
Scholz: Er hätte einerseits mit einer gewissen Faszination auf die Professionalität sozialdemokratischer Regierungsarbeit geblickt. Allerdings: Um dieses Land gut zu regieren, machen wir Kompromisse mit unseren Koalitionspartnern. Als junger Sozialdemokrat hätte mir vielleicht die Geduld gefehlt, diesen Politikansatz, der ja nicht immer Spaß macht, zu verstehen. 
 
SPIEGEL: Sie sind seit mehr als 20 Jahren in der Spitzenpolitik: Was haben Sie im Leben wegen der SPD verpasst?
Scholz: Schwer zu sagen. Das Wichtigste im Leben ist die Liebe. Und deshalb bin ich sehr glücklich darüber, dass meine Frau und ich seit vielen Jahrzehnten eine glückliche Beziehung miteinander haben. Das hat für mich jeden Tag Priorität. Ich weiß, dass das nicht ganz die Antwort auf Ihre Frage ist. Aber meine Beziehung ist etwas, wofür ich gekämpft habe, es nicht zu verpassen. Politik ist ein großer Teil meines Lebens, aber eben nur ein Teil. 
 
SPIEGEL: Was machen Sie eigentlich gern? Also, außer Politik? 
Scholz: Zur Überraschung all jener, die mich noch von ganz früher kennen: Sport. Als Jugendlicher war ich völlig unsportlich. Ich habe erst mit Anfang 40 angefangen, mühselig zu joggen. Mittlerweile laufe ich zwei oder drei Mal pro Woche ganz ordentliche Distanzen. Ich rudere, und ich wandere mit meiner Frau. Wir haben uns gerade neue Fahrräder gekauft. Und ich lese unheimlich viel. 
 
SPIEGEL: Sie müssen also immer aktiv sein? 
Scholz: Ich kann auch stundenlang nichts tun.
 
SPIEGEL: Was ist die SPD für Sie? Viele können das heute gar nicht mehr sagen. 
Scholz: Die SPD ist die einzige Partei, die seit jeher dafür steht, dass es um jeden in der Gesellschaft geht. Damit ist die SPD ein historisches Glück für unser Land. Sie ist eine soziale Partei, die eine bessere Zukunft durch demokratische Politik für möglich hält und ohne Ressentiments auftritt. 
 
SPIEGEL: Das ist doch Parteitagssprech. 
Scholz: Ob Ihnen das gefällt oder nicht, ich meine das ernst. Wenn ich an einem Infostand bin, und jemand sagt mir: Um uns geht es ja nicht in der Politik, dann versetzt mir das einen Stich. Neulich habe ich das Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ des Soziologen Andreas Reckwitz gelesen. Danach hatte ich länger schlechte Laune.
 
SPIEGEL: Warum? 
Scholz: Im Prinzip steht da drin, dass wir uns zu einer Gesellschaft entwickeln könnten, in der niemanden mehr kümmert, ob die Aldi-Verkäuferin und der Theaterdirektor, die Rechtsanwältin und der Metaller ein gemeinsames politisches Anliegen haben. Aber genau dafür steht die SPD. Für Wertschätzung. Wir sollten mit unseren unterschiedlichen Hintergründen als 80- oder 90- Jährige sagen können: Das war ein gelungenes Leben. 
 
SPIEGEL: Müsste die SPD wieder stärker einzelne Gruppen in den Blick nehmen, statt krampfhaft für alle da sein zu wollen?
Scholz: Uns muss es immer um Zusammenhalt gehen und moderne Zukunftskonzepte. Für den höheren Mindestlohn setze ich mich ja nicht ein, weil ich auch mal was sagen will. Sondern weil ich es kaum ertragen kann, dass jemand, der mir im Restaurant den Kaffee bringt, der bei Amazon Regale einräumt, einen Lohn hat, von dem er oder sie im Alter nicht leben kann. Das berührt mich persönlich, und ich kann es nicht ab, wenn Leute, die sich für fortschrittlich halten, unglaublich degoutant auf die Kellner oder die Leute in der Küche herabschauen. 
 
SPIEGEL: Wie wäre Ihr Leben ohne die SPD verlaufen? 
Scholz: Die SPD ist für mich biografisch ein großes Glück gewesen. Sie hat meinen Blick geweitet, mir Erfahrungen ermöglicht, die ich vielleicht sonst nie hätte haben können. Aber ich hätte auch ein glückliches Leben als Anwalt führen können. 

SPIEGEL: Vielleicht bekommen Sie dazu ja bald schon die Gelegenheit, wenn die Große Koalition zerbricht. Wie lange ist dieses Bündnis noch das richtige?
Scholz: Wir haben vereinbart, zum Ende dieses Jahres Bilanz zu ziehen. Ich nehme diese Bilanz sehr ernst. Und da es unsere Mitglieder waren, die über den Eintritt in diese Koalition entschieden haben, kann man die Frage nicht nur auf einer Vorstandssitzung entscheiden. Wir sollten die Mitglieder an der Debatte beteiligen, und zwar über das reine Abfragen von Einzelmeinungen hinaus. Für mich ist, auch wenn die Regierung noch bis 2021 weiterarbeiten sollte, jedenfalls klar: Nach zwei Großen Koalitionen in Folge darf keine dritte folgen. 
 
SPIEGEL: Sie haben kürzlich gesagt, die Chancen der SPD, stärkste Partei zu werden, seien so gut wie lange nicht. Was hatten Sie da vorher geraucht?
Scholz: Nichts. Ich bin Nichtraucher und habe mich auch als Juso nicht mit bewusstseinserweiternden Alternativen beschäftigt. 
 
SPIEGEL: Was sollte diese Aussage dann? 
Scholz: Unser Europawahlergebnis ist richtig schlecht. Aber ich sehe auch: Die finnischen Sozialdemokraten haben die Wahl mit knapp 18 Prozent gewonnen. Und die holländischen Genossen haben sich nach einer fürchterlichen Wahlniederlage erholt und waren bei der Europawahl stärkste Partei. Das können wir sicher auch. Die politische Landschaft ist sehr in Bewegung, und die Zustimmungsraten wechseln schnell. 
 
SPIEGEL: Wie denn?
Scholz: In unseren Ländern wächst die Unsicherheit. Die technologischen Veränderungen lassen gerade hier die Zuversicht sinken. Das Erstarken rechtspopulistischer Parteien, der Brexit, Trump sind Ausdruck dieser Verunsicherung. Wir müssen aber allen einen Weg zeigen, wie man trotzdem welt- und fortschrittsoffen bleiben, die Vorteile dieser Technologien nutzen und ein gutes und sicheres Leben führen kann. 
 
SPIEGEL: Mit Ihnen als Kanzlerkandidat? Sie haben Anfang des Jahres gesagt, Sie würden sich diese Rolle zutrauen. Ganz ehrlich: Wir können uns Sie nur sehr schwer als Kandidaten vorstellen. Sie stehen nicht für einen Aufbruch, sondern für ein Weiter-so.
Scholz: Finden Sie? Mal ganz unabhängig von meiner Person bin ich überzeugt, dass die Bürger Sachlichkeit und Erfahrung bei der Frage, wem sie das Land anvertrauen, etwas höher gewichten als manch politischer Beobachter, dem es auch um das eigene Entertainment geht. Um dieses Entertainment nicht ständig bedienen zu müssen, habe ich im Januar zu dieser Frage alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt.
 
SPIEGEL: Was wünschen Sie der SPD? 
Scholz: Dass sie cool bleibt, zuversichtlich und mit geradem Rückgrat. 
 
 
 

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit