Olaf Scholz
30.11.2018

Grußwort in FAZ-Beilage zur Euro Finance Week

 

Zu einer starken Volkswirtschaft gehört auch eine starke Finanzindustrie. Eine kluge und strategisch angelegte Industriepolitik für unser Land schließt die Banken und Finanzdienstleister mit ein. Sie müssen die große Bandbreite an Finanzprodukten bereitstellen, die notwendig ist, um die Wirtschaft in Zeiten eines schnell voranschreitenden technologischen Wandels strategisch zu entwickeln: von Krediten für Industrieunternehmen und Wagniskapital für Start-ups über die Finanzierung neuer Ideen aus Forschung und Entwicklung bis hin zur Begleitung unserer Unternehmen ins Ausland oder auf den Kapitalmarkt. Die Finanzindustrie muss gerade angesichts der ausgeprägten globalen Vernetzung unserer Wirtschaft in der Lage sein, unsere Unternehmen weltweit zu unterstützen. Das erfordert auch Banken mit der passenden Größe und Kraft, um im globalen Wettbewerb mit amerikanischen und asiatischen Instituten mithalten zu können. Genauso wie ihre Wettbewerber, die Stärke aus großen Heimatmärkten mit vielfältigen Geschäftsmöglichkeiten gewinnen, müssen auch europäische Banken in einem großen, europäischen Heimatmarkt operieren können. Um den europäischen Einfluss auf globalisierten Finanzmärkten zu bewahren, müssen wir die Finanzindustrie deshalb noch mehr europäisch verstehen, über Regulierung und Aufsicht hinaus.

Eine starke Finanzindustrie muss profitable Geschäftsmodelle haben. Dies bedeutet auch, die Chancen der neuen Technologien zu nutzen. Das Beispiel digitaler Bezahldienste zeigt, dass Finanzdienstleister heute zunehmend mit globalen Technologieunternehmen konkurrieren. Die Finanzindustrie muss sich mit den neuen technischen Möglichkeiten und veränderten Kundenbedürfnissen im Zuge der digitalen Transformation auseinandersetzen und wettbewerbsfähige Lösungen anbieten. Digitale Finanzinnovationen sind der richtige Weg, sich dynamisch weiterzuentwickeln.

Dauerhaft können Finanzunternehmen nur dann stark sein, wenn sie stabil und vertrauenswürdig sind. Die Bankenunion ist ein wichtiger Baustein für mehr Stabilität im europäischen Finanzsektor. Die Bundesregierung arbeitet für ihre Weiterentwicklung eng mit ihren europäischen Partnern, insbesondere mit Frankreich, zusammen. Die Einigung im Finanzministerrat im Mai, stärkere Verlustpuffer in systemrelevanten Banken zu schaffen, war ein wichtiger Schritt. Sie stärkt das Haftungsprinzip, bedeutet einen größeren Schutz der europäischen Steuerzahlerinnen und Steuerzahler und wirkt künftig dem Aufbau übermäßiger Risiken entgegen. Weitere Arbeiten sind notwendig, um die immer noch zu hohen Risiken im europäischen Bankensektor zu reduzieren und insbesondere die in einigen Mitgliedstaaten weiterhin zu hohen Bestände notleidender Kredite abzubauen. Daran arbeiten wir mit dem Ziel, noch in diesem Jahr zu guten Lösungen zu kommen.

Auch dürfen wir das aktuelle wirtschaftliche Umfeld nicht ohne weiteres in die Zukunft fortschreiben. Die Finanzindustrie muss sich insbesondere auf die Veränderungen, die der Brexit bringen wird, vorbereiten. Neben Risiken bieten sich mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs für die Finanzindustrie in Europa und auch in Deutschland aber auch neue Möglichkeiten. Denn manche in London erbrachten Finanzdienstleistungen werden nach Kontinentaleuropa verlagert werden. Bereits jetzt haben zahlreiche Finanzunternehmen Deutschland als neuen Standort in der EU gewählt. Gerade beim Euro-Clearing, das zukünftig aufgrund seiner Bedeutung nicht ohne weiteres außerhalb der Europäischen Union wird erfolgen können, stehen die Chancen gut. Hier hat Frankfurt eine starke Position und konnte seinen Marktanteil bereits beträchtlich steigern. Die Bundesregierung setzt sich für den Finanzstandort Deutschland ein und wird ihn weiter stärken.

 

 

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