Olaf Scholz
15.11.2018

Rede zur Eröffnung der Helmut Schmidt-Ausstellung

 

Liebe Gisela Kayser,

liebe Christiane Hoffmann,

liebe Genossinnen und Genossen,

meine Damen und Herren,

 

heute ist es wieder Zeit, über Helmut Schmidt zu reden. Und es ist gut, das hier im Willy-Brandt-Haus zu tun. Noch besser gefällt mir der Anlass: Helmut Schmidts 100ter Geburtstag.

 

„Helmut Schmidt und Hamburg gehören zusammen“ habe ich zu seinem 95ten Geburtstag gesagt. Wir haben diesen Geburtstag mit einem Festakt im Hamburger Thalia-Theater gefeiert, obwohl wir alle sehr genau wussten, dass er solche Anlässe nicht schätzte. Er ließ sowas eher über sich ergehen, als sich in den Ehrungen zu sonnen. Wohl auch, weil das „sich Sonnen“ nicht typisch hamburgisch ist. Schon mal gar nicht, wenn man ans Wetter denkt.

 

Der Person und dem Werk von Helmut Schmidt kann man sich auf vielen Wegen nähern. Einer führt nach Hamburg-Langenhorn. Mit der U-Bahn kommt man dahin, vom Hauptbahnhof sind es dreißig Minuten, danach geht es zehn Minuten zu Fuß durch eine grüne Gegend.

 

Ein „vornehmer Hamburger", sagte Helmut Schmidt einmal, "kann nicht in Langenhorn wohnen (…) oder in Barmbek oder in Altona." Aber ein vornehmer Hamburger wollte er auch gar nicht sein, sondern ein echter Hanseat.

 

Das ist nicht das gleiche, wie oft angenommen wird. Nicht der im Arbeiterviertel Barmbek geborene Helmut Schmidt ist irgendwann ein echter Hanseat geworden, sondern genau umgekehrt: Das Hanseatische ist langsam so wie Helmut Schmidt geworden. Schmidt gehörte zu denen, die die Sozialdemokratie Stück für Stück mit dem Hanseatischen identifiziert haben, oder wie es in der Zeit von Paul Nevermann hieß „Gute Hanseaten (sind) Sozialdemokraten“.

 

1961 kauften sich die Schmidts jedenfalls in Langenhorn ein Reihenhaus von der Neuen Heimat. Mit Krediten natürlich, 1982 nach Ende seiner Kanzlerschaft, waren die noch nicht vollständig zurückgezahlt, wie ein Zitat des „Haus-Herren“ in der Ausstellung erklärt.

In ihrem Wohnzimmer und im typischen 60er Jahre Partykeller haben Loki und Helmut Schmidt die Weltpolitiker empfangen: den französischen Staatschef Valéry Giscard d’Estaing, den spanischen König Juan Carlos, den polnischen Regierungschef Edward Gierek und auch Leonid Breschnew, Pierre Trudeau, Anwar el-Sadat, Anker Jörgensen und viele andere. Und falls Sie jetzt fragen, ob ich auch schon da war: Ja, mehrmals, aber nie an der Bar.

 

Eher im Arbeitszimmer, zum Beispiel im September 2015. Es war eine dieser Gelegenheiten, bei der Helmut Schmidt mit mir diskutierte, weil er mir etwas auftragen wollte, aber auch, weil ihm Auseinandersetzungen und kluge Argumentationen einfach immer Spaß gemacht haben, wie bei einem Schachspiel.

 

Zu seinen Lieblingsgedanken - er sagte sogar wörtlich “Lieblingsgedanke“ - gehörte, den „Stolz der Hamburger auf die Hanse des Mittelalters zu nutzen, um für die europäische Integration zu werben“. Er wusste, dass Deutschland seine Rolle in der Welt nur als Teil der Europäischen Union finden kann. Wir teilten die Einschätzung, dass die europäische Integration ein zentrales strategisches Anliegen Deutschlands ist. Es gehe um „Deutschland in und mit und für Europa“, so hat er das Thema bei seiner Rede 2011 auf dem SPD Parteitag formuliert. „Europa ist das wichtigste nationale Interesse Deutschlands“ habe ich das genannt.

 

Wir waren uns einig: Wir meinten das nicht – oder zumindest nicht nur - im Sinne eines Europa aus Idealismus, sondern vor allem aus Einsicht in die Notwendigkeit: Selbst ein wirtschaftlich starkes Land mit einer großen Bevölkerung wie Deutschland kann seine Interessen im globalen Kontext nur als Mitglied der Europäischen Union durchsetzen. Und Schmidt hat immer wieder auch an die geopolitische Lehre Europas erinnert: Erst mit der Europäischen Union haben wir ein Gleichgewicht geschaffen, zwischen Peripherie und Zentrum, und den jahrhundertelangen Kampf der Nationen im Herzen Europas beendet.

 

Dieser eine „Lieblingsgedanke“ zeigt exemplarisch: In seinem Denken und Handeln war Helmut Schmidt immer ein Hamburger Sozialdemokrat, tief beeinflusst von der großen Handels- und Hafenmetropole mit ihrem kaufmännischen Pragmatismus, ihrer Liberalität, ihrer Toleranz, ihrem Streben nach Maß und Vernunft. Soziale Gerechtigkeit war eines seiner Kernanliegen, und das immer in der Überzeugung, dass ein moderner Wohlfahrtstaat nur auf der Basis einer starken Wirtschaft und eingebunden in die Sozial-partnerschaft gelingen kann.

 

Helmut Schmidt steht für die Modernisierung der SPD, ihre Entwicklung von einer Arbeiterpartei zu einer Volkspartei, einer Partei, die politische Lösungen für die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger anbietet und der man die Verantwortung für das Land anvertrauen kann.

 

Am 16. Mai 1974 wählte der Bundestag Helmut Schmidt zum fünften Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Ich war damals knapp 16 Jahre alt und habe das politische Geschehen sehr interessiert verfolgt, in Zeitungen, über das Radio und das Fernsehen. 1975 wurde ich Sozialdemokrat, so dass also die Kanzlerschaft Schmidts auch die Zeit meines Einstiegs in die Politik war.

 

Und vielleicht weil ich diese Zeit als Zeitzeuge sehr genau miterlebt habe und jetzt als verantwortlicher Politiker darauf schaue, scheint mir, dass die Bedeutung des Lebenswerkes von Helmut Schmidt noch immer unterschätzt wird. Ich will das an ein paar Beispielen erklären.

 

Helmut Schmidt gilt als Pragmatiker und zupackenden Macher. Dafür spricht schon sein beherzter und mutiger Einsatz bei der Flutkatastrophe 1962 als Hamburger Innensenator. Zum Pragmatismus gehört auch sein vehementes Bekenntnis zur Vernunft, zur Ratio, seine nüchterne analytische Art, die stets klar sieht, dass man Verbesserungen nur schrittweise erreicht. Man schätzt Helmut Schmidt, weil er immer wieder betont hat, wie wichtig es ist, das Machbare anzugehen und nicht von Utopien zu träumen. Ein Politiker muss zuverlässig sein, nicht mehr versprechen, als er halten kann, und er muss politisch greifbar sein.

 

Diese Haltung ist der Grund, warum Helmut Schmidt auch lange nach seiner Zeit als verantwortlicher Politiker eine Autorität war, der viele vertraut haben. Aber dennoch, ihn nur als Macher und Pragmatiker zu sehen, greift viel zu kurz. Wo er auch tätig war, zeigte er eine enorme Fähigkeit zum perspektivischen politischen Denken.

 

Schmidt war als Bundeskanzler die zentrale Persönlichkeit, die die Bundesrepublik Deutschland in einer krisengeschüttelten Welt zu einem maßgeblichen und geschätzten Partner aufbaute. Er hat als Kanzler ein politisches Erbe hinterlassen, von dem wir heute noch profitieren.

 

In den 1970er Jahren stand die Welt vor elementaren Bedrohungen: Die Angst vor einem Atomkrieg war sehr real, die Weltwirtschaft steckte in einer tiefen Krise und gefährdete die Stabilität der westlichen Demokratien. Und Schmidt ging diese Probleme an.

 

Als es das Wort „Globalisierung“ noch nicht einmal gab, machte Helmut Schmidt schon mit seiner Politik deutlich, wie wir mit der Verbundenheit in der Welt umgehen müssen. Dass wir sie nicht als Abhängigkeit, sondern als Aufforderung zur Zusammenarbeit verstehen müssen. Er war einer der ersten, der die Rolle von Handels- und Finanzbeziehungen im globalen Kontext verstand. Aber noch mehr, er wusste, dass man viele Herausforderungen in der Welt nur in den Griff bekommen konnte, wenn es eine globale Herangehensweise gibt. Und so war es Helmut Schmidt, der Gespräche zwischen den westlichen Staatschefs organisierte. Dadurch gelang der erste Wirtschaftsgipfel in Rambouillet.

 

Oder nehmen wir zum Beispiel den INF-Vertrag (=Intermediate Range Nuclear Forces), der jetzt unter anderem von Donald Trump wieder in Frage gestellt wird. Wir verdanken diesen Vertrag der großartigen strategischen und sicherheitspolitischen Weitsicht und der Vorarbeit von Helmut Schmidt. Schon in den 1960er Jahren, als das für die meisten Sozialdemokraten kein Thema war, veröffentlichte er Beiträge zur Sicherheits- und Verteidigungspolitik in internationalen Medien.

 

Als es dann 1980/1981 um die Atomwaffen ging und in den öffentlichen Debatten ideologische und moralische Fragen dominierten, wusste er: Die Sicherheitsfrage stellt sich für Deutschland noch auf ganz anderer Ebene. Er sah die Gefahr, dass Deutschland das Schlachtfeld für eine taktische Auseinandersetzung der Großmächte mit atomaren Mittelstreckenraketen sein könnte.

 

Ohne Rücksicht darauf, was es für seine Beliebtheit bedeutet, verhandelte er gegen den Widerstand der bundesrepublikanischen Linken einen Ausweg aus dieser brisanten Situation. Helmut Schmidt war der Initiator der „NATO-Doppelstrategie“. Und es war richtig, das zu tun. Als dann 1987 die USA und die UdSSR den INF-Vertrag unterzeichneten, war eines der gefährlichsten Kapitel des Kalten Krieges zu Ende.

 

Helmut Schmidt vermittelte zwischen Ost und West ebenso wie zwischen den Alliierten und sorgte für solide Lösungen, von denen auch Deutschland profitierte. Diese Art von Analyse und strategischer Weitsicht sollte auch heute Vorbild für uns sein.

 

Er war ein Vordenker und Weltlenker. Seine Politik hat Deutschland, Europa und die Welt verändert. Wie viele – auch sehr persönliche Facetten - das politische Wirken von Helmut Schmidt auszeichnet, zeigt diese Ausstellung.

 

Am 23. Dezember 2018 wäre Helmut Schmidt 100 Jahre alt geworden. Wir schauen auf diese Bilder und werden wieder daran erinnert, wie sehr wir seinen Tod bedauern und ihn als politisches Schwergewicht vermissen. Aber wir wissen auch – und diese Ausstellung ist ein Beleg dafür: Sein politisches Erbe reicht weit über unsere Zeit hinaus. Oder, wie es das Hamburger Abendblatt schrieb: Helmut Schmidt lebt weiter.

 

Vielen Dank!

 

 

 

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit