Olaf Scholz
19.10.2018

Rede zur Eröffnung des taz-Neubaus

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe taz-Genossenschaftlerinnen und -Genossenschaftler,

manche reden vom Zeitungssterben. Die taz hingegen baut ein neues großes Haus. Das ist ein klares Statement, und es ist mutig. Mut zu haben, ist unverzichtbar.

Schon Kant fand, Aufklärung ist eine Frage des Mutes und des Verstandes. Auch die Gründung der taz war ein solcher Akt. Und es gab in den Jahren danach viele Aktionen, bei denen die taz Mut zeigte. Den Mut zu alternativem Journalismus, das ist klar. Aber auch den Mut zur Wahrheit, nicht nur den auf der letzten Seite. Und vor allem: den Mut, sich als neue Kraft an einem ungemütlichen Markt zu behaupten.

Jahrzehntelangen Vorlauf hatten die anderen Zeitungen, als die taz begann. Und das bedeutete mehr Ressourcen, einen soliden Kundenstamm und ordentliches Kapital. Dieses anfangs ungleiche Verhältnis ist nicht nur im Rückblick, sondern auch im Hinblick auf die Zukunft des Journalismus eine höchst interessante Konstellation, aber dazu später.

Mit ihrem Motto: „Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie“ entwickelte die taz zwei bemerkenswerte Fähigkeiten: Das ist erstens ein höchst kreativer Umgang mit den Herausforderungen des Geschäftsmodells Journalismus und zweitens ein geradezu geniales Geschick bei der Nutzung neuer Technologien.

Zum ersten Punkt, der ökonomischen Kreativität: Als am 17. April 1979 die erste taz erschien, waren schon 7.000 Vorab-Abos verkauft. Dabei gab es noch gar keine taz-Leser. Von der Nummer Null abgesehen hatte noch niemand eine taz gesehen. Es ging um viel mehr, nämlich Identifikation mit dem aufklärerischen Journalismus (damals sagte man auch gerne „Gegenöffentlichkeit“), Vertrauen in ein emanzipatorisches Projekt und die Idee einer solidarischen Leserschaft.

Ich bin froh, dass mein damaliger Rat hingehauen hat und 1991 die Genossenschaft gegründet wurde, die diesen Leitgedanken aufgriff. Und nun nicht nur eine Grundlage für finanzielle Eigenständigkeit ist, sondern auch eine weitere Verbindung geschaffen hat: die ökonomische Identifikation der Leserinnen und Leser mit der taz.

Erstmals 2003 verbuchte die taz einen Gewinn. Nach 25 Jahren! Das ist fast wie bei Amazon und die sind heute ein Online-Imperium. Und damit sind wir beim zweiten Punkt, dem Geschick bei der Nutzung neuer Technologien, vor allem des Internets:

Die taz ist die Zeitung, deren Adoleszenz in die Anfangszeit des kommerziellen Internets fällt. Sie hatte von Anfang an Leute dabei, die neue Technologien umarmt und eine Kultur der Datenschönheit entwickelt haben.

Schon in den 90er Jahren packte die taz ihre Ausgaben auf CD-Rom und verschenkte sie an die Abonnenten. Ein enormer Wissensspeicher, der so gut nutzbar war, dass sich Lesegewohnheiten veränderten: Das „Kapital“ von Marx bliebt schon mal im Regal, denn auf dem Tisch lag das taz-Archiv zum täglichen Gebrauch.

1995 war die taz auch schon im Netz. Als eine der ersten Zeitungen weltweit! Und wurde da auch gleich von sehr vielen gelesen. Seit 2011 gibt es die berühmte „Pay-Wahl“, eine höchst intelligente Bezahloption, für Nerds und traditionelle Kunden gut nutzbar und doch frei zugänglich.

Richtig gut gefällt mir auch die Webcam mit dem Bautagebuch. So können 18.000 Genossinnen und Genossen jeden Tag voller Stolz auf die Baufortschritte ihrer eigenen Immobile schauen.  

70jähriges Bestehen feierten kürzlich die WELT, die Freundin, der Stern und im letzten Jahr der Spiegel. Ein solches Alter erreicht die taz im Jahr 2048. Etwa eine ganze Generation vorher wird die taz wohl ihre Print-Ausgabe eingestellt haben. Das mögliche Ausstiegsdatum 2022 ist ja von Kalle Ruch schon genannt worden. Damit reagiert die taz wieder einmal früh und innovativ auf eine neue Herausforderung: Zeitungen stehen unter enormen Wandlungsdruck,  das Anzeigengeschäft ist längst im Internet, in sozialen Netzen explodiert der Informationsfluss und das zunehmend mit einer Abkehr von Fakten.

Dennoch: Ich bin zuversichtlich, und das hat auch etwas mit der taz zu tun. Was heute Zeitungen als neues Konzept empfohlen wird, die Bindung der Leserschaft zum Medium, Vertrauen und Glaubwürdigkeit, das gibt es bei der taz seit Jahren. Das macht die Marke taz aus, nicht allein der schöne TOM-Kaffeebecher oder die Form der Tatze.

Die Zukunft des Journalismus liegt in der Qualität. Eine Online-Zeitung muss gut recherchierte Informationen bieten und nicht nur einfach Meinungen wiedergeben, denn das gibt es gratis in den sozialen Medien.

Ich meine deshalb: Es gibt keine Krise des Journalismus, auch, wenn so etwas manchmal in der Zeitung steht. Die Zeitungskrise ist keine Relevanzkrise, sondern eine Finanzierungskrise. Wir brauchen mehr gut funktionierende Geschäftsmodelle für den Journalismus im Internet.

Die demokratische Öffentlichkeit ist gut beraten, die Entstehung und Verbreitung journalistischer Inhalte im Netz zu stärken. Plattformen müssen mehr Transparenz über die Auswahl durch Algorithmen bieten aber auch das Arbeitsrecht und die Urheberrechte respektieren. Man muss mit Journalismus Geld verdienen können.

Deshalb ist mir auch die Steuerermäßigung für die elektronische Presseerzeugnisse so wichtig. Auf EU-Ebene haben wir das bereits beschlossen, ein entsprechender Gesetzentwurf für Deutschland wird zügig kommen: In Zukunft zahlen auch die Online-Zeitungen den ermäßigten Steuersatz.

Und – das möchte ich gerade hier betonen - wir müssen das Potential von Genossenschaften neu nutzen.

Das Internet ist nicht – wie manche gehofft haben – der große digitale Gleichmacher, nicht die Kraft, von der alle gleichmäßig profitieren. Solche Mechanismen kennen wir aus der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Damals entstand in Reaktion auf Ungleichheit und als ökonomische Selbstverteidigung das Geschäftsmodell der Genossenschaft, das Solidarität, Selbstbestimmung und ökonomischen Sachverstand kombiniert.

Tausende Genossenschaften gibt es heute in Deutschland. Sie sind ein wichtiges Element der sozialen Marktwirtschaft, als Banken, im Wohnungsbau, in der Energiewirtschaft und immer wieder auch als ökonomische Basis für gesellschaftliche Innovationen, wie hier bei der taz.

Aber trotzdem wird diese Rechtsform in der Digitalwirtschaft kaum genutzt, weder für Neugründungen, noch für Ausgründungen und auch nicht als Start-up. Dabei sind Genossenschaften die natürliche Organisationsform des Internets: Hier wie da geht es um Netzwerkeffekte, um Verknüpfung, um vertikale Integration statt Hierarchie.

Ich frage mich, warum so viele mittelständische Unternehmen in vielen Branchen einen Teil der Wertschöpfung an Plattformen abtreten und nicht zusammen eine Plattform aufbauen. Solche kooperativen Plattformen, organisiert als Genossenschaften böten genau das, was die meist US-amerikanischen Plattformen nicht können und nicht wollen: Eine technologische, rechtliche und ökonomische Infrastruktur, mit der die Wertschöpfung und auch die immer wichtiger werdenden Kundendaten bei denen bleiben, die die Produkte und Dienstleistungen anbieten und die eigentliche Arbeit machen.

Gleichzeitig sind sie eine gute Alternative zum Freelancer-Modell: Handwerker, kleine Gewerbetreibende, Anbieter haushaltsnaher Dienstleistungen und ebenso Journalistinnen und Journalisten haben als Miteigentümer einer Genossenschaft mehr Einfluss auf  Arbeitsbedingungen und die Verteilung von Gewinnen.

Auch in der Digitalwirtschaft müssen deshalb genossenschaftliche Gründungen eine faire Chance erhalten, sich zu beweisen. Ich könnte mir vorstellen, die Förderung von Startups um diesen Gedanken zu erweitern. Kooperation braucht manchmal einen Anstoß von außen. Wieso nicht einen Inkubator für digitale Genossenschaften aufbauen?

Wir werden die Zugänge zu Innovations- und Förderprogrammen, zu Wagniskapital oder zu Experimentierräumen und Labs prüfen. Hindernisse können Stück für Stück abgebaut werden.

Die Genossenschaftsidee ist – auch 200 Jahre nach der Geburt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen – eine moderne Rechtsform, das klassische Modell für eine „sharing economy“, das geradezu darauf wartet, in der digitalen Ökonomie weiterentwickelt zu werden.

Wenn immer mehr Güter, Dienstleistungen und Information über Plattformen vermittelt werden, sollten einige davon in der Hand von Genossenschaftlerinnen und Genossenschaftlern sein. Vielleicht ja bei der taz. Mit der Internetplattform gazete.taz gibt es da ja auch schon einen Anfang.

 

Meine Damen und Herren,


es ist wichtig, dass es die taz gibt. Die Presselandschaft braucht Ihren Mut, Ihre Ideen und Ihren Verstand.

Ich wünsche Ihnen alles Gute nachträglich zum 40ten Geburtstag und gratuliere ganz herzlich zu diesem beeindruckenden Neubau.

Die taz hat noch viel vor sich.

Ich werde das als Freund, als Leser und als Genosse gerne begleiten.


Vielen Dank!


 

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