Olaf Scholz
06.07.2018

Festrede zur Eröffnung der 68. Bad Hersfelder Festspiele

 

[Es gilt das gesprochene Wort!]

   

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute ist ein guter Tag für Hersfeld. Denn heute eröffnet ein Festival mit großer Strahlkraft, das weit über die Stadt und die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Und der Tag hat noch eine weitere Besonderheit: Wir können an die Leistung eines (ehemaligen) Hersfelder Bürgers erinnern, dessen Name ebenfalls überall in Deutschland bekannt ist. Der viel für die Kultur im deutschsprachigen Raum und die Demokratisierung der Bildung getan hat. Ich meine Konrad Duden. Während er als Direktor des Königlichen Gymnasiums in Hersfeld arbeitete, veröffentlichte er sein wichtigstes Werk, das „Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache“. Ihm verdanken wir etwas, das heute selbstverständlich ist: Dass das Wissen über die richtige Schreibweise allen zugänglich ist, weil man es in der Schule lernt oder einfach nachschlägt. 27.000 Wörter auf 187 Seiten umfasste sein Wörterbuch, und es erschien genau vor 138 Jahren am 7. Juli 1880.

Duden hatte einen guten Blick für die Potentiale von Bildung und unkonventionellen Ideen. So schaffte er zum Beispiel das Fach Schönschreiben ab und führte stattdessen Sport ein (was einem wie mir sehr entgegen kommt). Und es war auch Duden, der 1896 die Idee aufbrachte, in Hersfeld Volksfestspiele zu organisieren. Das klappte zwar nicht im ersten Anlauf. Aber als 1902 die Hersfelder Bürger den Festspielverein gründeten, kam die Sache in Schwung.

Das finde ich beeindruckend: Nicht etwa ein Kaiser, Könige oder die Stadtverwaltung haben diesen Ort zu einem Theater gemacht. Es waren die Bürgerinnen und Bürger selber: ihr Interesse an Kultur und ihre Lust am Theater. Auch heute werden die Festspiele von großem bürgerschaftlichem Engagement getragen. So etwa von dem Gründungs- und Trägerverein der "Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine", der seit den 1950er Jahren aktiv ist. Und Eingeweihte wissen, auch der Chorverein spielt eine Rolle. Das sogar ganz buchstäblich, denn die Mitglieder sind als Statisten mit auf der Bühne. Überall in der Stadt kann man sehen und fühlen, dass die Hersfelder sich ganz stark mit „ihren Festspielen“ identifizieren. Und diese Identifikation geht ja weit über die Stadt hinaus, wie beispielsweise die Gesellschaft der „Freunde der Bad Hersfelder Festspiele“ zeigt.

Was für eine Kulisse! Was für eine bemerkenswerte Atmosphäre! Die älteste romanische Kirchenruine der Welt ist eine großartige, aber auch schwierige Bühne. Und gerade deshalb ist hier auch der Ort, an dem neue Ideen realisiert werden und sich neue Talente beweisen. Die Hersfelder Stiftsruine ist ein weithin anerkannter Ort der Kultur und Theatergeschichte. Und sie ist zugleich wie kaum ein anderer Spielort stark mit Krieg und Versöhnung verbunden.

Wir erinnern uns. Zerstört wurde die romanische Basilika [im Jahr 1761] im Siebenjährigen Krieg, in dem die Preußen und die Engländer gemeinsam mit den Hannoveranern gegen Österreich, Russland und Frankreich kämpften. Dieser Konflikt der europäischen Großmächte bestimmte nicht nur das Leben in Mitteleuropa. Er wurde wie ein Weltkrieg mit aller Härte auch in den Kolonien und auf den Meeren ausgetragen. Im Herzen Europas gelegen erfuhr diese Stadt in den folgenden Auseinandersetzungen weitere Gewalt, Leid und Zerstörung. Der letzte Krieg, den die Menschen hier in Bad Hersfeld erleben mussten, übertraf alle Vorstellungskraft. Europa wurde in Schutt und Asche gelegt – Krieg, Massenmorde und schließlich der Holocaust forderten bis zu 80 Millionen Tote. Als er endlich ein Ende nahm, entstand direkt hinter Bad Hersfeld eine scharfe und höchst brisante geopolitische Grenze.

Aber gerade in dieser Zeit, als Bad Hersfeld am Ende der westlichen Welt lag, entstand das Festival neu und schaffte es, zu seiner heutigen Größe heranzuwachsen. Wie jemand, der plötzlich mit dem Rücken zur Wand steht und dann alles dran setzt, sich zu behaupten. Das Festival erarbeitete sich einen nationalen und internationalen Ruf – als Impulsgeber für die Kultur und die Botschaft des Westens in Form von Musik, Theater und Tanz. Seit dieser Zeit kennt man Bad Hersfeld als „das Salzburg des Nordens“. „Freiheit der Kultur“ und „Kultur der Freiheit“ waren immer Leitmotive des Festivals. Und es ist sicher so mancher Ton durch den Eisernen Vorhang hindurchgedrungen.

Seit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung hat Bad Hersfeld wieder die zentrale Lage, wie viele Jahrhunderte lang vorher. Die Stadt hat sich als Standort von Logistikfirmen etabliert, es gibt zudem viele traditionelle Unternehmen und Dienstleister und natürlich den Kurbetrieb. Sie trägt einen guten Teil zum Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsanstieg in Hessen bei. Das stärkt auch die Rolle Bad Hersfelds als Zentrum der Kultur. Die Stadt ist weithin bekannt durch Theater-, Jazz- und Opernfestspiele sowie die internationalen Bachtage. Die große Unterstützung durch die regionale Wirtschaft zeigt mir, dass auch die Unternehmen den Identifikationsfaktor des Festivals sehr schätzen.

In der Mitte Europas gelegen ist die Stadt von Freunden umgeben. Das ist ein großes Geschenk. Vergessen wir nicht: Nach Jahrhunderten der kriegerischen Auseinandersetzung, in denen die Großmächte in wechselnden Konstellationen um die Vormacht kämpften, hat erst die Europäische Union einen dauerhaften Frieden ermöglicht. Die meisten Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union haben ihr ganzes Leben in Frieden gelebt. Manche sind nach blutigen Umwälzungen in ihren Heimatländern nach dem Fall des Eisernen Vorhangs der Union beigetreten, auf der Suche nach Frieden und Sicherheit. Alle Mitgliedstaaten verzeichnen seit dem Beitritt erhebliche Steigerungen des Wohlstands. Deutschland ist einer der großen Gewinner. Nicht nur wirtschaftlich, sondern gerade auch politisch: Denn erst die sorgsam konzipierte Einbettung Deutschlands in das zusammenwachsende Europa hat die Wiedervereinigung der Deutschen ermöglicht.

Als großes und bevölkerungsreichstes Land in der Mitte des Kontinents haben wir eine besondere Rolle: Alles, was wir in Deutschland tun oder was wir nicht tun, hat Auswirkungen auf unsere europäischen Partner. Das ist eine Verpflichtung und eine Stärke. Wir müssen uns beharrlich, klug und umsichtig für die europäische Einigung einsetzen. Wir tun das durchaus auch aus Eigennutz: Deutschland ist als exportorientiertes Land auf eine funktionierende Union angewiesen. Aber unsere Aufgabe geht weit darüber hinaus. Wir müssen Lösungen möglich machen und Wege für Kompromisse finden.

Für mich ist die Reform der Wirtschafts- und Währungsunion ein zentrales Thema. Zum Beispiel müssen wir mit der Bankenunion weiter kommen. Nie wieder sollen Steuerzahler für Banken haften. Aber die Debatten zwischen den Mitgliedstaaten haben sich jahrelang nicht wirklich bewegt. Deshalb habe ich mich gleich nach meinem Amtsantritt mit meinem Kollege Bruno Le Maire darangemacht, die Dinge endlich in Gang zu bringen. Wir haben Woche für Woche diskutiert und gerechnet – man könnte auch sagen: Nacht für Nacht, denn mehr als einmal haben wir die Nächte durchgearbeitet. Bis wir den Durchbruch hatten. So ist es endlich gelungen, auch im Rat der Finanzminister in Brüssel eine Einigung zu finden. Das neue Bankenpaket macht das europäische Bankensystem nachhaltig verlässlicher und stabiler.

Über die Einigung zu diesem konkreten Thema hinaus, das vielen sehr technisch anmuten mag – und das tatsächlich sehr technisch ist – ist mir wichtig: Wir haben damit gezeigt, dass wir in Europa Lösungen finden können. Auch für komplexe und sehr streitige Fragen. Wenn wir das wollen. Und: Auf der Grundlage der Einigung mit Frankreich haben wir jetzt endlich auch die Möglichkeit, bei zentralen Fragen der Wirtschafts- und Währungsunion voranzukommen.

Europäisch Denken heißt, alles, was wir an Ideen entwickeln, muss auch aus der Perspektive der anderen Mitgliedstaaten vernünftig sein. Dafür müssen wir einander zuhören. Das klingt eigentlich selbstverständlich, aber ich höre immer wieder, dass das in den letzten Jahren nicht gemacht worden ist. Zumindest nicht in ausreichendem Maße.

Wie die Politik, lebt auch die Kultur von Kommunikation. Auch sie ist ein Bereich, in dem man besonders merkt, wie sehr sich die Kommunikationsformen und Kommunikationsstile verändert haben. Unsere Kunst ist zugänglicher geworden, ist aufgelebt in der Demokratie und hat immer Technik integriert. In den letzten Jahren ist eine ganz neue Entwicklung hinzugekommen: die Digitalisierung der Kommunikation. Niemand wundert es mehr, dass Kunst digital vermittelt wird.

Das hat große Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Kreativen. Die Leistungen von Musikern, Filmemacher und auch Theaterleuten werden heute sehr häufig über Plattformen vermittelt. Millionenfach ist die Nachfrage. Bilder, Filme oder Musikstücke werden runtergeladen oder gestreamt und sowohl die Musikwirtschaft als auch die Künstler müssen sehen, dass der Wert ihrer Leistung nicht auf der Strecke bleibt.

Es dürfen nicht nur die digitalen Plattformen, die Intermediäre gewinnen. Diejenigen, die fremde Inhalte verbreiten und damit Geld verdienen, müssen für die in Anspruch genommenen Inhalte auch bezahlen. Diesen value gap müssen wir verkleinern. Und weil das Internet nationale Grenzen überschreitet, ist übrigens auch da die Europäische Union gefordert.

Auch die künstlerische Botschaft selbst ist im digitalen Zeitalter angekommen: als Livestream im Internet, als digitales Video, das über eine der vielen Plattformen zugänglich ist. Und es gibt sogar Festivals, in denen Kunstfiguren auftreten, die nur digital existieren.

Manche fragen, braucht man dann noch analoge Kunst? Ich meine: Selbstverständlich Ja! Zu Kunst und Kultur gehört der lebendige Faktor. Selbst die digitalen Kunstfiguren finden ihre Fans, weil sie auch öffentlich auftreten. Es geht nicht um analog statt digital oder umgekehrt. Beides gehört dazu: Theater – wie etwa dieses Festival – sind wichtige öffentliche Orte. Dabei sein, etwas erleben und die Kunst mit allen Sinnen fühlen gehört dazu. Was immer auch die Philosophen und die ästhetische Theorie sagen: Ohne die Kommunikation mit dem Publikum kommt die Kunst nicht zu ihrem Recht.

Unmittelbares persönliches Erleben macht sie lebendiger. Kunst lebt von Aufführungen. Das ist unverzichtbar, selbst im digitalen Zeitalter, das wird hier in Bad Hersfeld immer wieder bewiesen, und das weiß man auch in Kassel und anderen Orten in Hessen. Ausstellungen, Theater, Konzerte und Tanz müssen auch live sein. „Live“ ist die Seele der Kunst.

Live – das ist ein Wort, das bei Konrad Duden nicht vorkam, aber natürlich in unserem heutigen Duden steht. Wie auch andere Begriffe, die die neuen digitalen Realitäten bezeichnen, etwa „simsen“, das Wort des Jahres 2001, das klingt als käme es aus dem Englischen. Aber es waren Jugendliche aus unseren Städten und unseren Dörfern, die es erfunden haben. Viele tausend neue Wörter hat das berühmte Wörterbuch der deutschen Sprache in den letzten Jahren aufgenommen, darunter auch „Filterblase“ oder „Echokammer“. Und auch der Begriff „Trolle“ hat inzwischen eine zusätzliche neue Erklärung gefunden.

Es sind nicht zufällig Worte, die auf das Premierenstück verweisen, das die Stadt Hersfeld und die Besucherinnen und Besucher mit Spannung erwarten: Henrik Ibsens „Peer Gynt“ in der Inszenierung von Robert Schuster.

Peer Gynt lebt in der Filterblase seiner Wünsche. In seinen Geschichten und Erlebnissen sind die Fakten kaum von Fiktion zu unterscheiden. Der realitätsferne Selbstbezug zieht sich durch sein Leben. Wie bei einem Hochstapler, der mal damit durchkommt und dann wieder scheitert.

Das Stück wird in Norwegen sehr verehrt, es gibt viele Ibsen-Preise, und der Name schmückt Schulen und Bibliotheken. Und das obwohl das Stück die nationale Kultur nicht überhöht, sondern sogar eher wie eine Satire über unreflektierte Verehrung ist. Peer ist Antiheld, der seine Einstellungen ständig wechselt, dem es an den üblichen Tugenden mangelt. Er macht keine Entwicklung, ja man wartet vergeblich auf eine moralische oder intellektuelle Weiter-Entwicklung. Das hat seinen Grund, denn Henrik Ibsen schrieb das Stück als Kritik an den Verirrungen der nationalen Romantik im Norwegen der damaligen Zeit. Es war eine Zeit der großen Umbrüche. Die norwegische Gesellschaft war, wie andere europäische Länder, von der industriellen Revolution, der Auswanderung in die USA und enorm vielen technischen Entwicklungen gekennzeichnet. Vergleichbar mit heute, und vergleichbar waren auch die Verlockungen der Populisten.

„Ich zuerst“ und „Ich bin der Wichtigste“, das ist, wie man heute gerne sagt, das Narrativ von Peer Gynt. Aus der Distanz eines Zuschauers erkennen wir darin vielleicht die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, verstehen den jungen Mann vielleicht sogar. Aber wir sehen auch deutlich, dass da kein echtes Fundament für Größe ist.

Das Stück gilt als enorm schwierig. Es ist sehr beeindruckend, dass sich die Festspielleitung entschlossen hat, eine solche Inszenierung zu wagen.

Kultur bereichert unser Leben, weil sie vielfältig und unberechenbar ist. Künstlerinnen und Künstler müssen immer den Mut haben, etwas Ungewöhnliches zu tun. Auch das lehrt die Geschichte dieses Festivals. Es ist hier eine der schönsten Spielstätten in diesem Bundesland. Als Hamburger könnte man fast sagen: Dieser Ort ist wie die Elbphilharmonie Hessens, nur ist er eben viel, viel älter.

Es ist enorm wichtig, Orte der Kunst zu haben, die architektonisch besonders sind und sich dem breiten Publikum öffnen. Die offen sind für Klassiker und moderne Stücke. Die diejenigen einladen, die nur mal vorbeischauen wollen und durch den Besuch ihr Interesse an Kunst finden.

Kultur und kulturelle Bildung muss zugänglich sein. Gut, dass das hier ein Ort ist, der die Offenheit schon in der so gar nicht etablierten Bühnenform zeigt. Mit einem Zeltdach, das einen Zuschauerraum eröffnet, wo sich sonst Touristen treffen. Kultur und Kunst sind für die Identifikation und den Zusammenhalt enorm wichtig. Sie sind Anziehungspunkte für internationale Besucher und große Künstler.

Wo solche Kunst ist, entsteht ein Zentrum.

Die Stadt Bad Hersfeld, ihre Bürgerinnen und Bürger und alle Beteiligten können ganz zu Recht sehr stolz auf dieses Festival sein.

Vielen Dank!

 


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