Olaf Scholz
23.03.2018

Rede zur Trauerfeier für Jürgen Heuer

 
Liebe Frau Heuer,
meine Damen und Herren,
 
Anfang Februar schickte Jürgen Heuer eine E-Mail zu uns ins Hamburger Rathaus. Er schrieb, dass er sich aus gesundheitlichen Gründen leider für einige Zeit abmelden müsse. Es falle ihm schwer, gerade in einer Phase des politischen Umbruchs nicht dabei sein zu können. Aber es ginge nicht anders. Zum Abschluss schrieb er: „In der Hoffnung, bald wieder an Deck zu sein, schicke ich herzliche Grüße, Jürgen Heuer“. 
 
Die Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. Er ist nicht zurück an Deck gekehrt.
 
Wenn ein Mensch stirbt, der uns etwas bedeutet, dann ist es für uns immer zu früh. Aber beim Abschied von Jürgen Heuer wiegt dieses „zu früh“ doch besonders schwer. 
 
Es wiegt so schwer, weil er noch nicht gehen wollte. Und es wiegt so schwer, weil wir ihn noch nicht gehen lassen wollten.
 
Das galt für uns, die wir Jürgen Heuer als Politiker, als Journalistenkollegen oder als Freunde begegneten. 
 
Und es galt auch für viele Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, die ihm als Zuschauer folgten. 
 
Mehr als 30 Jahre waren die Anfangsmelodie des Hamburg Journals – Brahms Symphonie Nr. 1 – und das Gesicht von Jürgen Heuer untrennbar miteinander verbunden. Seine Berichte boten Hunderttausenden in unserer Stadt sachliche Information, Orientierung und Vertrauen. 
 
Wenn Regierungen stürzten oder Landesbanken taumelten, dann wollte man als Hamburger die schlechten Nachrichten zumindest zuerst von Jürgen Heuer erfahren. Nicht weil er die Dinge beschönigt hätte. Aber weil er das richtige Maß kannte. Weil er ein guter Journalist war.
 
Wir alle haben eine Vorstellung davon, was typisch Hamburgisch ist. Und doch lässt es sich nicht so leicht beschreiben. Es ist kein fixer Katalog von abstrakten Attributen. Es ist eher das, was wir neudeutsch als „mindset“ oder altdeutsch als „Haltung“ beschreiben. Es wird nur fassbar und lebendig in der einzelnen Persönlichkeit. Jürgen Heuer war eine solche Hamburgische Persönlichkeit. 
 
 
Er nahm die Dinge ernst, aber sich selbst dabei nicht so wichtig. 
Er war engagiert, aber nicht aufgeregt. 
Er war lässig, aber nicht nachlässig. 
Er war aufmerksam, aber nicht aufdringlich. 
Er war tolerant, aber nicht gleichgültig. 
 
Er war im umfassenden und typisch Hamburgischen Sinne ein feiner Mensch.
 
Nun ist es immer so eine Sache, wenn ein Politiker die Arbeit eines Journalisten bewertet. Jürgen Heuer erklärte selbst einmal in einer seiner geistreichen Reden: 
 
„Wenn ein Journalist einen Politiker mal lobt, hat der Politiker sofort das Gefühl, er hätte etwas richtig gemacht. Wenn aber ein Politiker einen Journalisten lobt, dann hat der das Gefühl, er hätte etwas falsch gemacht“. 
 
Ich will mich also zurückhalten. Aber über das Verhältnis zwischen Journalismus und Politik will ich doch einige Worte anfügen.
 
Nur schlechte Politiker denken, dass ein guter Journalist keine eigenen Überzeugungen haben darf. Natürlich hat er die. Dort, wo er sie nicht haben darf, gibt es auch sonst keine Freiheit. Unsere Demokratie beruht zu einem wesentlichen Teil auf der Standfestigkeit der einzelnen Journalistenpersönlichkeit. Denn nur, wer eigene Wurzeln hat, hält auch dem Sturm von Stimmungen stand. 
 
Jürgen Heuer war eine solche Journalistenpersönlichkeit. Er wurde am Tag des Mauerbaus geboren, am 13. August 1961. Mit jeder Faser seiner Persönlichkeit lehnte er Unterdrückung, Bevormundung und Gängelung ab. Er liebte die Freiheit und den Rechtsstaat. Er liebte die Weite des Horizonts – auch des geistigen Horizonts. 
 
Als sich unsere Wege zum ersten Mal kreuzten, da war das nicht im Hamburger Rathaus, sondern in Rahlstedt. Er engagierte sich in der Jungen Union. Ich bei den Jusos. Wir hatten beide noch volle Haare auf dem Kopf und – zumindest ich – manche politischen Flausen im Kopf.
 
Wenn wir uns Jahrzehnte später beim Interview gegenübersaßen – er als Journalist, ich als Politiker – dann war mir wohl bewusst: Seine Stimme bekäme ich immer noch nicht. 
 
Aber genauso bewusst war mir auch: Ich durfte auf seine absolute Fairness zählen. Mit dieser Fairness wirkte er stilbildend für den Hamburger Journalismus. Er prägte eine Kultur des toleranten Miteinanders, in der sich Berichterstatter und Politiker im Bewusstsein der jeweiligen Rolle, aber mit Respekt begegneten. Jürgen Heuer sah im Gegenüber nie nur die Funktion, sondern immer auch den Menschen. Das zeichnete ihn aus. 
 
Und es war umgekehrt unmöglich, den Menschen in Jürgen Heuer zu übersehen. Wir haben ihn vor Augen, wie er mit seinem Käppi und einem Stapel Zeitungen unter dem Arm dienstäglich über den Rathausmarkt in die Landespressekonferenz ging. Wie er mit feinem Lächeln und effizienter Eleganz sowohl Berufskollegen als auch Senatsvertreter auf der LPK in die Schranken wies.
 
Er konnte scharf, auch ungehalten werden, wenn zu viel geredet und dabei zu wenig gesagt wurde – auch da typisch Hamburg. Aber seine Grundhaltung war versonnen. Er hatte Vergnügen an seiner Arbeit. Und er hatte auch Vergnügen am Austausch nach der Arbeit. Beispielsweise am Abend von Delegationsreisen, wenn man nach verrichteter Arbeit noch das ein oder andere Glas zusammen genoss. Trockener Rotwein, trockener Humor – das passte zu Jürgen Heuer. Er war witzig, er konnte sehr ironisch sein. Nur zynisch – das war er nicht.  
 
Als Leiter des Politikressorts des Hamburg Journals genauso wie als langjähriger Vorsitzender der Landespressekonferenz verstand er sich darauf, unterschiedlichste Temperamente mit der richtigen Mischung aus Bestimmtheit und Milde zusammenzuhalten. Er war jemand, der sich für den Zusammenhalt der Gemeinschaft zuständig fühlte. Im Kleinen wie im Großen.
 
Aber er war dabei kein Herdenmensch. Wenn nötig, vertrat er auch unerschrocken seine gegenläufige Meinung - allein gegen alle. Das machte ihn mitunter ziemlich unbequem, aber es war zugleich Zeugnis seiner Journalistenpersönlichkeit. Zeugnis seines freien Geistes.
 
Der spiegelte sich auch im Privaten wieder. In freien Wochen entfloh er dem politischen Trubel nach Schweden oder Kärnten. Er genoss die Ruhe und die Einsamkeit. Dann saß er mit der Angelrute am See und blendete die Hamburger Hektik aus. Das Kind vom Tag des Mauerbaus, mit seiner Liebe für die Freiheit und weite Horizonte – ganz mit sich im Reinen. 
 
Jürgen Heuer hat bis zum Schluss mit großer Tapferkeit gegen seine Krankheit gekämpft. Getragen von der Liebe seiner Frau und Familie, und angetrieben von der Liebe zu seinem Beruf. Gerade in den letzten Wochen ist es ihm sehr schwer gefallen zu arbeiten. Aber er nahm bis zum Schluss seinen Platz auf der Pressetribüne der Hamburgischen Bürgerschaft ein. Mittwochs berichtete er von dort aus dem Hamburger Rathaus, immer wieder auch live. So kannten ihn seine Zuschauerinnen und Zuschauer. So kannten wir ihn. Im Zentrum des Geschehens, aber doch mit der ausreichenden Distanz des Berichterstatters. 
 
Bei der Bürgerschaftssitzung am Mittwoch, den 28. Februar 2018, blieb sein Platz leer. 
 
Jürgen Heuer war nicht wieder an Deck zurückgekehrt.
 
Sein Tod ist für alle seine Freunde, Kollegen und vor allem für seine Familie ein bitterer Verlust. 
 
Es fällt uns allen schwer, das gefühlte „zu früh“ zu akzeptieren. Aber wir sind dankbar dafür, dass es Jürgen Heuer gab. 
 
Unsere Stadt hat mit ihm eine beeindruckende Hamburgische Persönlichkeit, eine beeindruckende Journalistenpersönlichkeit und einen guten Menschen verloren. 
Wir halten an Deck immer einen Platz für ihn frei.
 
Es gilt das gesprochene Wort.

zurück zur Liste

JETZT IM BUCHHANDEL

OLAF SCHOLZ

HOFFNUNGSLAND
Eine neue deutsche Wirklichkeit