Olaf Scholz
06.03.2018

Rede zum 150-jähriges Jubiläum der Norddeutschen Seewarte

 

Sehr geehrter Herr Staatssekretär,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Frau Breuch-Moritz,
sehr geehrter Herr Prof. Adrian,
sehr geehrte Damen und Herren,

am 1. Januar 1868, es war ein Mittwoch, nahm die Norddeutsche Seewarte ihre Arbeit auf – „versuchsweise, zunächst für zwei Jahre“ – wie Wilhelm von Freeden es formuliert hatte, wurden maritime Dienstleistungen an die Seefahrer und Redereien als weitgehend kostenfreie Serviceleistung abgegeben.

Heute würden wir das ein wissenschaftliches Start-up nennen: Von Freeden, ein überaus kluger und findiger Mann, hatte die Hamburger und die Bremer Handelskammern des Norddeutschen Bundes sowie 28 Reeder von dem Vorhaben überzeugt. Er wusste, es war an der Zeit, das vorhandene Wissen zu nutzen, damit die Schiffe schneller und sicherer durch die Weltmeere kommen.

Bei der Gelegenheit möchte ich gerne die beiden Urenkelinnen von Herrn von Freeden begrüßen, die heute hier sind: herzlich Willkommen Frau Eva von Freeden und Frau Erdmuth Groß.

Das Risiko lag ganz bei Wilhelm von Freeden, der dafür sein Privatvermögen einsetzte. Die Geschäftsidee war genial und die Nachfrage lief gut: Von Freeden gab Segelanweisungen an die Kapitäne und stellte meteorologische Journale für die Erfassung des Wetters auf dem Seeweg zur Verfügung. Insgesamt 850 Segelanweisungen erstellte er in seiner Amtszeit ganz persönlich.

Zeit ist Geld, das galt auch schon damals. Es rechnete sich, den Rat der Norddeutschen Seewarte einzuholen. Im Schnitt gewannen die Schiffe, die speziell beraten wurden, auf der Ausreise sieben Tage und auf der Heimreise vier Tage gegenüber den anderen Mitseglern.

Es war ein strenges hanseatisches Prinzip, dass die Unternehmen wirtschaftlich alleine klar kommen mussten. Deshalb arbeitete der neue maritime Dienstleister ökonomisch selbstständig. Aber Gustav Heinrich Kirchenpauer, der zwischen 1868 und 1887 immer wieder Bürgermeister der Stadt Hamburg war, konnte die Norddeutsche Seewarte dennoch unterstützen: als Hamburger Bevollmächtigter im Bundesrat des Norddeutschen Bundes bzw. des Bundesrats des Deutschen Reiches.

1872 erhielt die Norddeutsche Seewarte mit Zustimmung Otto von Bismarcks den Namen Deutsche Seewarte und ab dem folgenden Jahr übernahmen Reichstag und Bundesrat die laufenden Kosten. 1875 wurde die Deutsche Seewarte ein Reichsinstitut und erhielt zusätzliche Aufgaben- und Tätigkeitsbereiche.

Sowohl die Norddeutsche Seewarte als auch die Deutsche Seewarte hatten mit ihren nautischen, ozeanographischen und meteorologischen Aufgaben und Forschungszwecken herausragende Bedeutung für die deutsche Seeschifffahrt. Und mit großem Stolz können die Hamburger auch darauf verweisen, dass Mitarbeiter der Seewarte an nahezu allen deutschen Polarexpeditionen und ozeanografischen Forschungsfahrten und auch bei der Valdivia-Expedition, der ersten großen  deutschen Expedition zur Erforschung der Tiefsee, beteiligt waren. Auch so grundlegende Theorien wie die Klassifikation der Klimazonen der Erde und die Theorie der Kontinentaldrift sind wissenschaftliche Einsichten, die auf Arbeiten der Deutschen Seewarte basieren.

Nach der Auflösung der Deutschen Seewarte 1946 durch die Britische Besatzungsmacht entwickelte sich die bis heute bestehende institutionelle Trennung der eher meteorologischen Aufgabenbereiche von den hydrografischen Schwerpunkten.

1952 wurde der Deutsche Wetterdienst (DWD) gegründet. Er ist seitdem die unbestrittene zentrale und unverzichtbare Kompetenz für Wetter und Klima in der Bundesrepublik Deutschland. Wetterwarnungen, Klima, Biowetter, Agrarwetter, Flugwetter, Seewetter, Klimadaten, Klimakarten und Klimaservices, alles gibt es vom Deutschen Wetterdienst aus Hamburg.

Eine Gruppe von Spezialisten ist heute im Seewetteramt für die individuelle Seeschifffahrtsberatung zuständig. Tag und Nacht überwachen die Meteorologinnen und Meteorologen die Entwicklung des Wetters auf See und strahlen über den vom DWD betriebenen Wetterfunksender Pinneberg Wetterkarten, Seewetterberichte und nautische Warnungen aus.
 
Für Bürgerinnen und Bürger ebenso wie für die Landesbehörden und den Bund ist der DWD ein wichtiger Partner.

Als ein ganz besonderer Schatz erweisen sich heute die langjährigen Wetteraufzeichnungen. Eines der größten maritim-meteorologischen Archive der Welt befindet sich in der Hamburger DWD-Niederlassung. Geschätzte 21 Millionen Wetterbeobachtungen aus mehr als 37.000 historischen Schiffsjournalen von 1829 bis 1934 werden im Zuge der Initiative HISTOR elektronisch erfasst. Diese Arbeit ist eine ganz wichtige Grundlage, um den Klimawandel besser zu verstehen.

Durch die Zusammenlegung des Deutschen Hydrographischen Instituts mit dem Bundesamt für Schiffsvermessung entstand am 1. Juli 1990 das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) als zentrale maritime Behörde der Bundesrepublik Deutschland.

Die Bundesoberbehörde für Seeschifffahrt ist ein moderner maritimer Dienstleister und ein zentraler Bestandteil des Schifffahrtstandortes Hamburg. Sie ist bei allen Institutionen von Hafen und Schifffahrt für höchst zuverlässige und stets exzellente Leistungen und sehr gute Zusammenarbeit bekannt.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hat ein breites und vielfältiges Aufgabenspektrum, das über die Jahre deutlich angewachsen ist. Zum Teil, weil  Anforderungen aufgrund von internationalen Regulierungen und Übereinkommen gestiegen sind. Aber auch, weil immer deutlicher wird, wie wichtig das Meer ist, wie sehr wir uns um den Erhalt dieser Naturressource bemühen müssen.
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) ist eine zentrale Instanz der europäischen Windhauptstadt Hamburg. Das BSH genehmigt und begleitet die Offshore-Windparks in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone von Nord- und Ostsee.

Seit 2011 erstellt es den Bundesfachplan Offshore und künftig auch den Flächenentwicklungsplan. Ab 2019 kommen von hier aus zudem die räumlichen und zeitlichen Konzeptionen für das System der Ausschreibungen. Für die technische Entwicklung der  Offshore-Branche ist das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) heute unverzichtbar, hier wird die Raumordnung für Offshore-Windenergie entwickelt.

Meine Damen und Herren,
was „versuchsweise für zwei Jahre“ vor 150 Jahren mit der Gründung der Norddeutschen Seewarte begann, markiert den Beginn zweier großer deutscher Traditionen der wissenschaftlich-maritimen Arbeit:

Da sind einerseits die Dienstleistungen und der Wetter-Service für die Seeleute oder andere Interessierte. Seewetterberichte und Sturmwarndienste gehören dazu. Zudem veröffentlichte die Deutsche Seewarte als erstes Institut in Deutschland fortlaufend Wetterkarten, auch für die Tagespresse.

Die zweite große Tradition ist die Meereskunde: das beständige Bestreben der Erweiterung der Kenntnisse über die Regionen, die den Großteil des blauen Planeten ausmachen. Auch Wilhelm von Freeden hatte bei allem bemerkenswerten Erfolg der Norddeutschen Seewarte stets an seinem Vorhaben festgehalten, ein nautisch-meteorologisches und hydrologisches Institut zu schaffen.

Diese Traditionen leben heute in den beiden aus der Norddeutschen Seewarte hervorgegangenen Einrichtungen, dem Deutschen Wetterdienst (DW) und dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), weiter.

Diese beiden großartigen wissenschaftlichen Institutionen haben Hamburgs Namen in der Welt verbreitet.

Ich gratuliere zum 150-jährigen Bestehen!

Vielen Dank

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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