Olaf Scholz
21.06.2017

Grußwort zum Empfang der afrikanischen Konsuln

 

Sehr geehrte Gastgeber,
sehr geehrter Herr Bundesminister,
sehr geehrte Frau Doyenne,
sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
meine Damen und Herren,

„Wenn man einen hohen Berg bestiegen hat, stellt man fest, dass es noch viele andere Berge zu besteigen gibt“. Nelson Mandela sagte das einmal. Mandela macht, selbst über seinen Tod hinaus, Mut, sich auch großen Aufgaben zu stellen – oder in seinen Worten – viele Berge zu besteigen, immer mit Weitblick und aus einer Perspektive der Zuversicht.   

Es geht um die Zukunft Afrikas. Ja, heute sind die Bilder und Nachrichten eher düster: Menschen, die fliehen und ihr Leben aufs Spiel setzen, um Armut, Krieg und Terror zu entkommen, die weiter auf ein Leben in Europa hoffen, während Europa sich schwer tut, darauf eine adäquate Antwort zu finden. Epidemien, die sich ausbreiten, weil es keine ausreichende medizinische Infrastruktur gibt, um sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Trockenheit und Dürre als Folgen des Klimawandels, die Millionen Menschen die Lebensgrundlagen entziehen. Die fürchterliche Hungersnot in Äthiopien, Somalia, Kenia, Uganda, dem Südsudan.

Das ist eine Seite. Aber gleichzeitig bricht sich eine andere Perspektive Bahn, in der Afrika nicht nur als Kontinent der Krisen wahrgenommen wird, sondern auch als  Kontinent der Chancen. Und das ist kein Wunschdenken. Internationale und afrikanische Organisationen haben dem afrikanischen Wirtschaftswachstum jüngst eine gute Prognose gestellt, vor allem deshalb, weil es sich einem intensiveren innerafrikanischen Handel und besserer Bildung verdankt. Dass Afrika wirtschaftlich viel zu bieten hat, haben längst auch andere erkannt. Für China etwa ist Afrika Teil seiner globalen Strategie der neuen Seidenstraße und es ist mit riesigen Infrastrukturprojekten dort tätig.

Ich möchte dem Vortrag von Herrn Bundesminister Müller nicht vorgreifen und sage zum geplanten „Marshall-Plan mit Afrika“ nur so viel: Die entwicklungspolitischen Ansätze der Bundesregierung fügen sich gut in die Strategie einer Partnerschaft zwischen den G20-Staaten und Afrika mit dem Ziel, in Infrastruktur zu investieren und Privatinvestitionen zu fördern.


Dabei möchte ich eines hervorheben: Die Partnerschaftsstrategie kann bei uns auf ein breites Engagement in Wirtschaft und Zivilgesellschaft zurückgreifen, das seit langem besteht. Das Engagement beruht auf dem Vertrauen in das Potential dieses Kontinents. Ein Teil der Saat ist also schon gesät oder vorbereitet und die politische Initiative zur Partnerschaft mit Afrika trifft auf einen guten Boden.

Auch die deutsche Wirtschaft setzt auf Afrika. Große und mittelständische Global Player unterhalten zum Beispiel das Programm „Afrika kommt!“. Es bildet junge Führungskräfte der Subsahara-Region aus. Tausende junge und qualifizierte Menschen bewerben sich jedes Jahr auf rund zwei Dutzend Plätze.

Genannt werden muss noch die Subsahara-Afrika Initiative (SAFRI) der deutschen Wirtschaft, mit der die Wirtschaftsverbände seit fast 20 Jahren die Aufmerksamkeit auf die wirtschaftlichen Chancen Subsahara-Afrikas lenken.

Aber wie bei uns auch, hängt der Erfolg immer  davon ab, ob Unternehmen qualifizierte Fachkräfte finden. Berufliche Qualifizierung ist der Schlüssel für wirtschaftliche Entwicklung. Deshalb verfolgen wir das Vorhaben Tansanias, dort ein duales Ausbildungssystem einzuführen, mit besonderem Interesse.

Das duale Ausbildungssystem gehört zu den großen Stärken Deutschlands und ist sicherlich flexibel genug, um es an die dortigen Verhältnisse anzupassen. Es lief auch bereits ein vielversprechendes Pilotprojekt, das die Hamburgische Handwerkskammer mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit begleitet hat. Jetzt plant die Tansanische Regierung, unter Beteiligung der Arbeitgeber schrittweise für das ganze Land ein duales Ausbildungssystem einzuführen. Die Implementierung eines neuen nationalen Bildungssystems ist eine große Herausforderung für das Land, das dafür auch in Zukunft auf Förderung durch das deutsche Bundesministerium und unsere Handwerkskammer hofft.  

Meine Damen und Herren,
Bildungsprojekte wie das in Tansania schaffen neues Vertrauen in die Zukunft. Auch dass Afrika unter der deutschen Präsidentschaft stärker in den Fokus der G20 gerückt ist, lässt hoffen. Die G20 nehmen ihren Anspruch, „eine vernetzte Welt zu gestalten“, sehr ernst.

Es ist gut, dass die Wahrnehmung Afrikas bei uns inzwischen viel differenzierter ist. In Kunst und Wissenschaft ist das schon viel länger der Fall. Klassische Moderne und Kubismus zum Beispiel haben stark mit afrikanischen Ausdruckformen gearbeitet. Über Picasso heißt es sogar, er sei eigentlich ein Afrikaner gewesen. Wie kaum ein anderer Künstler prägte er das Kunstverständnis unserer Moderne!

Und was unser historisches Verständnis anbelangt, weisen die fortschrittlichsten Fakultäten  mittlerweile den Weg zur sogenannten Globalgeschichte, die die Geschichte Afrikas selbstverständlich integriert.

Den historischen Blick erweitern – auch das, meine Damen und Herren, ist gemeint, wenn wir uns vornehmen, eine vernetzte Welt zu gestalten.

Ein kluges Sprichwort aus Uganda sagt: „Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt“.

In Hamburg haben wir in den vergangenen Jahren schon einige Bäume gepflanzt und manche sind auch schon ziemlich gewachsen, zum Beispiel unsere seit sieben Jahren bestehende Städtepartnerstadt mit Dar es Salaam, der größten Stadt Tansanias. Es ist unsere erste Partnerschaft mit einer Stadt auf dem afrikanischen Kontinent.


Wir kennen uns zwar schon, seit zu Kolonialzeiten die Deutsche Ost-Afrika-Linie zwischen Hamburg und dem ostafrikanischen Hafen etabliert wurde; aber jetzt ist es eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Sie bündelt viele Stränge eines intensiven Austauschs und vertieft unsere Zusammenarbeit etwa in der Abfallwirtschaft, der Wasserversorgung oder der Feuerwehr, bei der beruflichen Bildung und im Hochschulaustausch.  

Ein weiteres Beispiel sind die traditionell guten Handels- und Geschäftsbeziehungen hanseatischer Kaufleute. Etliche Unternehmen investieren in den Ländern ihrer afrikanischen  Partner in Berufsbildung und schaffen Arbeitsplätze vor Ort. Das erklärt zum Teil, weshalb wir uns einer beachtlichen Anzahl von Honorarkonsuln erfreuen können; allein in diesem Jahr sind vier hinzugekommen – für Äthiopien, Mauritius, die Seychellen und Pakistan.

In Hamburg gibt es über 20 konsularische Vertretungen afrikanischer Staaten. Auch deshalb zählen wir zu Europas größeren Konsularstandorten. Zudem verfügen wir in Hamburg mit dem Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft und dem GIGA über beachtliche wirtschaftliche und wissenschaftliche Expertise.


Schließlich gibt es ein ganz junges Projekt, von dem man noch viel hören wird: Ein deutsch-afrikanisches Forschungszentrum koordiniert unter der Leitung der Universität Hamburg die Arbeit von deutschen und afrikanischen Wissenschaftlern zu den Folgen des Klimawandels im südlichen Afrika und zur Landnutzung im Okavango-Bassin. Davon versprechen wir uns viel.

Meine Damen und Herren,
wir haben gesehen, die Bedeutung Afrikas in unserer Wahrnehmung wandelt sich. Sie wächst, wird tiefer und breiter – wie die Bäume, die wir pflanzen.

Ich wünsche allen, die in Hamburg ein afrikanisches Land repräsentieren und ganz besonders den neuen Honorarkonsuln eine erfolgreiche Zeit und bedanke mich herzlich für die Zusammenarbeit.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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