Olaf Scholz
28.09.2012

Empfang 275 Jahre Freimaurer

 

Sehr geehrter Herr Hessling,

sehr geehrter Herr Professor Templin,

sehr geehrter Herr Polscher,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

275 Jahre Freimaurer in Deutschland – ich freue mich sehr, Sie zur Feier dieses Jubiläums hier im Rathaus zu begrüßen. 

 

Vielleicht haben Sie auf dem Weg hierher in der Rathausdiele bereits Halt gemacht und sich in der Ausstellung zur Freimaurerei in Hamburg umgeschaut: Wie viele Besucher jeden Tag vor den Tafeln stehen, wie viel Zeit sich viele von ihnen nehmen, wie konzentriert sie lesen, wie einige von ihnen darüber miteinander ins Gespräch kommen, Hamburger genauso wie Reisende aus aller Welt – das ist faszinierend. 

 

Diese Ausstellung bewegt die Besucher. Und ich glaube nicht, dass sich hinter dem Interesse nur die Neugier auf das Geheimnisvolle verbirgt. Ich vermute vielmehr, dass es die Haltung zum Leben und zur eigenen Rolle in der Gesellschaft  ist, die Viele anspricht. Eine Haltung, die aus innerer Überzeugung kommt, nicht korrumpierbar ist und der Vorstellung eines aufgeklärten, engagierten Bürgertums entspricht.

 

Toleranz, Verantwortung für sich und andere, Weltoffenheit, Freiheitsliebe, Streben nach Gerechtigkeit – Freimaurerei und Hamburger Bürgersinn haben viel gemein. Das gilt für das konkrete soziale und kulturelle Engagement der Bürger in ihrer Stadt, seien sie nun Freimaurer oder nicht. Man spürt das Verbindende, aber auch in dem freimaurerischen Ideal eines „freien Mannes von gutem Ruf“, welches dem Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“ durchaus ähnelt – und damit schließe ich die ehrbaren Kauffrauen selbstverständlich ein. 

 

Als Bürgermeister der Freien und Hansestadt bin ich deshalb froh, dass die Freimaurerei in unserer Stadt so tief verwurzelt ist, dass die Freimaurer mit Ihren Ideen und Projekten unter uns wirken und uns bereichern. 

 

Meine Damen und Herren,

 

Absalom zu den drei Nesseln ist die älteste deutsche Loge. Aus ihr gingen die Vereinigten Fünf Großlogen von Hamburg hervor, die 1811 in der Großloge von Hamburg aufgingen. Ehrengroßmeister dieser Großloge war ab 1820 der Hamburger Bürgermeister Johann Heinrich Bartels. Von Hamburg begann sich vor 275 Jahren die Freimaurerei in Deutschland auszubreiten. 

 

Das feiern die Hamburger in diesem Jahr mit allen 470 Logen in Deutschland – 14.000 Brüder und 400 Schwestern haben sich in ihnen zusammen-geschlossen. Zum Jubiläum und Konvent der Vereinigten Großlogen darf ich Delegationen aus fast 60 Staaten bei uns begrüßen: Sie alle heiße ich herzlich willkommen in der Freien und Hansestadt Hamburg!

 

Wenn man an die Freimaurer denkt, fallen einem viele berühmte Namen ein: 

 

  • Namen wie Lessing, Goethe, Voltaire, Mozart, Haydn und Herder. 
  • Amerikanische Präsidenten wie Theodor und Franklin D. Roosevelt und George Washington. 
  • Aber auch Louis Armstrong, Mark Twain und Marc Chagall waren Freimaurer, der Vormärz-Schriftsteller Ludwig Börne und der Polarforscher Roald Amundsen.
  • Außerdem Kurt Tucholsky und Charlie Chaplin, John Wayne und Gustav Stresemann, Freiherr von Knigge und Walt Disney. Nicht zu vergessen Friedrich der Große – ein Freimaurer, der auch Kriegsherr war.

 

Auch die Hamburgische Geschichte ist von zahlreichen Freimaurern geprägt: 

 

Neben Lessing sind etwa der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock und der Erzieher und Philosoph Johann Gottlieb Fichte zu nennen, Carl Hagenbeck, Georg Heinrich Sieveking und, nicht zuletzt, Axel Springer.

 

Diese illustre Liste könnte ich noch lange fortsetzen. 

 

Dabei fällt eines auf: Präsidenten, Künstler, Wissenschaftler, Friedensnobelpreisträger finden sich unter den Freimaurern mannigfach, aber das Herz der Freimaurerei ist immer der Bürger mit seinen Bürgerpflichten geblieben. Nicht zufällig kommen zentrale Symbole wie Winkel und Zirkel genauso aus dem Handwerk wie die Freimaurer-Grade Lehrling, Geselle und Meister. Und das Wort Loge ist von dem englischen „Lodge“ abgeleitet, den Hütten der freien Maurer, welche im Mittelalter die Kathedralen und Dome errichteten.

 

Gabriel Riesser, an den in der Stadt eine Straße und im Rathaus eine Tafel erinnern, gehörte ab 1859 nicht nur der Bürgerschaft an, er war auch der erste jüdische Richter in Deutschland. Ein Logenbruder war auch der gebürtige Hamburger Carl von Ossietzky, Herausgeber der „Weltbühne“, Friedensnobelpreisträger und von den Nationalsozialisten im KZ zu Tode misshandelt. 

 

In der Zeit des Nationalsozialismus waren die Logen keine Orte des ausdrücklichen politischen Widerstands. Den veröffentlichten Protokollen kann man entnehmen, dass ein nationalistischer Geist vielen Brüdern damals genauso wenig fremd war wie Versuche, unter dem immensen Druck den neuen Machthabern entgegenzukommen. Als die Nationalsozialisten „judenfreie“ Logen forderten, entschieden sich viele Brüder in Hamburg sogar zunächst, dieser Weisung zu folgen. 

 

Und trotzdem: Zum Nationalsozialismus haben die Logen sich nicht bekannt. Stattdessen schlossen sie ihre Pforten bis zu ihrer Wiederzulassung 1949. Lediglich Teile ihrer karitativen Aufgaben wurden in anderer Form weitergeführt.

 

Auch wenn es ein Missverständnis wäre, die Freimaurer auf ihr karitatives Engagement zu verengen: Wir verdanken den Freimaurern viel, auch in Hamburg. Bereits 1793 gründeten diese eine erste Krankenstation. Später dann während der französischen Besatzung, nach dem Großen Brand und dem Ersten Weltkrieg, unterstützten sie nicht nur ihre notleidenden Brüder, sie halfen auch Waisen, Witwen und Kriegsversehrten. Bevor die Brüder der Loge Absalom zu den drei Nesseln sich 1929 an ihrer Tafel niederließen, wurde „eine große Zahl von Ausgehungerten gespeist“, so ist es nachzulesen. 

 

Und heute? Heute macht der Freimaurer Karl-Heinz Böhm durch seine Äthiopien-Hilfe von sich reden. 

 

Meine Damen und Herren,

 

bei den Freimaurern gehören Eigenverantwortung und Verantwortung für andere zusammen. Für mich ist das ein zentraler Gedanke für das Zusammenleben gerade in unserer Stadt, die das bürgerschaftliche Engagement aus gutem Grund stets gewürdigt hat: Soziale Gerechtigkeit ist nicht die Gegenspielerin der Freiheit, sondern ihre Schwester. Und Freiheit verlangt Verantwortung. 

 

Sie selbst betrachten sich als Freundschaftsbund über soziale, politische, nationale und weltanschauliche Grenzen hinweg. Der zusammenkommt, um zu verstehen: sich selbst, einander, die Welt in all ihrer Komplexität. Schon Lessing schwärmte von diesem „lauten Denken unter Freunden“. 

 

Das schnelle Urteil ist Ihre Sache nicht. Sie geben den Gedanken Raum und nehmen sich Zeit, zuzuhören und abzuwägen. Dabei sind persönliche Begegnung und Gemeinschaft für Sie unersetzlich. Diese Art der lebensbegleitenden Selbstbildung durch Selbstbindung scheint mir in unserer globalisierten Welt ein nachdenkenswertes Modell zu sein – zumal wenn es, wie bei Ihnen, durch Internationalität ergänzt wird. 

 

Auch dass wir Toleranz und Brüderlichkeit erleben und fühlen müssen, damit wir sie uns zu eigen machen können, scheint mir eine sehr aktuelle Vorstellung zu sein. 

 

Sehr geehrter Herr Hessling, 

sehr geehrter Herr Prof. Templin, 

 

ich wünsche Ihnen und allen, die in den Logen arbeiten, dass Sie Ihren Weg auch in unserer sich rasant verändernden Welt weiter gehen und dass Sie sich Ihren Kern, aber auch die Fähigkeit zur Veränderung bewahren. 

 

Denn es stellt sich natürlich die Frage, wie Freimaurerei im 21. Jahrhundert aussehen kann und aussehen sollte – ich nenne nur die Stichworte Offenheit und weibliche Beteiligung. Und welche Bedeutung kommt der Verschwiegenheit im Informationszeitalter zu? Wie viel Öffnung ist sinnvoll? Welche Rituale müssen erhalten werden? Und wie kommunizieren Sie Ihre Anliegen in der vernetzten Mediengesellschaft? 

 

Es scheint mir, den Freimaurern stehen spannende Zeiten bevor. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Jubiläum und wünsche Ihnen viel Erfolg auf diesem Weg und eine gute, anregende Zeit in Hamburg. 

 

Vielen Dank. 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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