Olaf Scholz
17.11.2003

90 Jahre Hellmut Kalbitzer - Rückblick auf ein bewegtes Leben

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten stellten viele aktive Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ihre politische Arbeit nicht ein – trotz der Gefahr für Leib und Leben, die damit verbunden war. Hellmut Kalbitzer gehörte zu ihnen. Alle aktiven Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten lebten in der ständigen Gefahr, verhaftet zu werden und Hellmut Kalbitzer und viele andere Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wurden auch verhaftet und verurteilt wegen ihrer politischen Überzeugung.

Wie in einigen anderen Großstädten wurde auch in Hamburg eine Vegetarische Gaststätte an der Börsenbrücke aufgebaut, um dort illegale Treffen zu organisieren, Informationen und Material auszutauschen und mit dem Ertrag der Gaststätten die illegale Arbeit zu finanzieren.
Dort lernte Hellmut Kalbitzer auch seine spätere Frau Emmi Volkmann kennen, die 1934 aus dem Ruhrgebiet nach Hamburg kam, um hier mitzuarbeiten.

Bereits 1934 begannen die ersten Verhaftungen von Genossinnen und Genossen des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, dem Hellmut Kalbitzer angehörte. Kalbitzer wurde bereits am 17.12.1936 verhaftet, kam ins KZ und wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 2 Jahren verurteilt. In der Haft erfuhr er von seiner Mutter, dass Emmi und weitere Genossen verhaftet worden waren.
Im Januar 1938 wurde Emmi verhaftet und im März 1939 vom Berliner Kammergericht zu 2 Jahren Gefängnis wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilt. In der U-Haft war Emmi, wie viele politische Gefangene, 13 Monate in Einzelhaft.

Als beide aus dem Gefängnis entlassen wurden, war die Organisation zerschlagen. Nach Emmis Haftentlassung haben beide geheiratet. Sie versuchten gemeinsam alte Verbindungen neu zu knüpfen und neue Genossen zu suchen. Kalbitzers’ Eltern konnten in der Schweiz Kontakt zu emigrierten Genossen aufnehmen und ihnen von dem Schicksal und der Bereitschaft, weiter zu arbeiten berichten. Hellmuts Kalbitzers’ Mutter hatte im Krieg einen Sanatoriums-Aufenthalt in der Schweiz genehmigt bekommen – eine seltene Ausnahme.

Im Sommer 1944 kam Änne Kappius illegal über die „grüne Grenze“ aus der Schweiz, um mit ihnen die Lage zu beraten und über den Zusammenschluss der nicht-kommunistischen linken Emigrantengruppen in der „Union deutscher Sozialisten im Ausland“ zu berichten. Als Kontaktadresse nannte sie auch Willi Opitz, der von sich aus in Basel Kontakte zu emigrierten Sozialdemokraten aufgenommen hatte. Er war vor und nach der Nazizeit Betriebsratsvorsitzender der Altonaer-Kaltenkirchener Eisenbahn.
Mit einem Decknamen getarnt konnte Hellmut Kalbitzer ihn besuchen und durch ihn und seine Frau Verbindung zu weiteren Genossen in Altona aufnehmen.

Mitte 1944 sprang Jupp Kappius, als Arbeitssoldat verkleidet, im Ruhrgebiet mit einem Fallschirm ab, um die Verbindung zwischen den Emigranten und dem Widerstand in der Heimat herzustellen. Er lebte bis zum Kriegsende illegal im Hause von Emmis Bruder Ernst Volkmann in Bochum.
Noch im Januar 1945 gelang es einer Gestapo-Agentin, sich an einen der Kuriere zu hängen und Gruppen in Hannover und Berlin verhaften zu lassen. Die Genossen aus Hamburg und dem Ruhrgebiet konnten glücklicherweise rechtzeitig gewarnt werden.

1944 hatte die Gruppe um Kalbitzer begonnen, mit vertrauenswürdigen Genossen über die Neugründung der SPD zu diskutieren und die eigene konspirative Gruppe als Teil der neuen demokratisch-sozialistischen Partei definieren.
Etwa im März 1945 trafen sich in Hamburg (die Russen standen an der Oder, die Engländer an der Weser) an die 50 Genossen, die bereit waren, SPD und Gewerkschaften wieder aufzubauen. Anfang Mai wurde Hamburg von den Engländern besetzt. Im Sommer 1945 kam Kurt Schumacher, der 10 Jahre KZ hinter sich hatte, nach Hamburg. Er wohnte bei der Familie Nevermann in Blankenese. In einem Erkerzimmer im Lokal Eimert in Altona trafen sie sich, um die Neugründung der SPD in Hamburg zu beschließen.

Kurt Schumacher hatte das  Ziel dieser Partei proklamierten: „Eine Politik zu vertreten, die eine Wiederholung der Schrecken der Vergangenheit unmöglich zu machen.“
Hellmut Kalbitzer ist ein Querdenker und seinem Lebensmotto „Widerstehen und Mitgestalten“ immer treu geblieben.
An ihm können sich viele ein Beispiel nehmen. Wer soviel Mut aufbringt und für seine Überzeugungen kämpft verdient tiefe Anerkennung.

Hans-Jochen Vogel hat einmal gesagt: „Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß auch nicht, wo er sich befindet und wohin er gehen will.“ Deshalb ist es wichtig, dass die Lebensgeschichte von Hellmut Kalbitzer und anderen Mitkämpferinnen und Mitkämpfern aufgeschrieben wurde, damit wir alle uns immer wieder vergegenwärtigen, was es heißt auch unter schwierigsten Bedingungen aufrecht zu bleiben, zu widerstehen und mitzugestalten, damit – ganz im Sinne von Kurt Schumacher – eine Wiederholung der Schrecken der Vergangenheit unmöglich gemacht wird.

Hellmut Kalbitzer hat sich mit anderen zusammen auch in dieser schwierigen Zeit für Ziele eingesetzt, die nun seit 140 Jahren für die Sozialdemokratie Gültigkeit haben: für Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenwürde.
Der sozialdemokratische Widerstand, ebenso wie der Widerstand anderer Gruppen und Einzelpersonen – die Arbeit im Untergrund während des Nationalsozialismus bedeutete auch die Kontinuität und Bewahrung der eigenen Identität. Der Sozialdemokratie wuchs aufgrund ihrer politischen Tradition aus der Weimarer Republik und aufgrund ihrer Integrität durch die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus eine wesentliche Rolle beim Aufbau der Demokratie in Westdeutschland zu. Der Widerstand hatte, unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg, auch symbolische Bedeutung für das Ansehen des deutschen Volkes in der Welt. Er widerlegte eine pauschale Verurteilung und trug dazu bei, dass eine angesichts dessen, was geschehen war, überraschend schnelle Wiedereingliederung Deutschland in die Völkergemeinschaft gelang. Der Widerstand der wenigen kam jetzt dem ganzen Volk zugute.

Auch nach der Schreckensherrschaft der Nazis ist Hellmut Kalbitzer engagiert geblieben. Er hat die Hamburger SPD mit aufgebaut und sie im Bundestag vertreten. Für beides, die Hamburger SPD und die SPD im Bundestag und in Deutschland, trägt Olaf Scholz heute eine Mitverantwortung. Er ist gerne einer seiner Nachfolger. Gerade in diesen Tagen denkt er an das, was er von Hellmut Kalbitzer und aus seinem Buch „Widerstehen und Mitgestalten“ gelernt hat und vielleicht ist das ein Maßstab für die SPD. Auch wenn heute alles sehr schwierig ist. Hellmut Kalbitzer und alle anderen Mitkämpferinnen und Mitkämpfer hatten es schwerer.

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