
LVZ: Der jetzige Länderfinanzausgleich ist „absolut bescheuert“. Stimmen
Sie dem Grünen-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zu?
Olaf Scholz: Nein. Zum Föderalismus der Bundesrepublik gehört
Solidarität. Hamburg hat seit 1950 preisbereinigt ungefähr die Summe
eingezahlt, die heute der aktuellen Verschuldung der Hansestadt entspricht.
Trotzdem sind wir für einen solidarischen Finanzausgleich.
Stanislaw Tillich: Sachsen hat 1990 einen kompletten Neustart
hingelegt. Heute hat Sachsen eine eigene Steuerdeckungsquote von 57 Prozent.
Wir wachsen, aber sind auch weiterhin auf die solidarische Finanzhilfe
angewiesen. Die Solidarpakt-Hilfe bis 2020 ist vereinbart, wir brauchen sie.
LVZ: Sind die Nehmerländer dankbar genug, oder hilft das Starke-Max-Spiel
von Bayern?
Scholz: Hamburg hat sich immer als solidarisches Mitglied der
Gemeinschaft verstanden. Nur etwa ein Fünftel aller in Hamburg gezahlten
Steuern behalten wir. Hamburg ist keine Insel, wir sind nicht Singapur. Und
deshalb ist es auch in Ordnung, dass nicht alle bei uns erwirtschafteten
Steuern auch bei uns verbleiben. Wir brauchen gute Verkehrswege nach Hamburg.
Wir sind darauf angewiesen, dass es überall in Deutschland gute Bildungschancen
gibt. Alles das geht nur miteinander und nicht gegeneinander.
Tillich: Sachsen ist zwar noch Nehmerland, aber auf gutem Weg.
Dank des Länderfinanzausgleiches konnten wir uns wirtschaftlich gut entwickeln.
Der Länderfinanzausgleich ist ein Anreizinstrument. Ich verstehe, wenn der eine
oder andere, der einzahlt, darüber murrt. Aber Bayern kann nicht vergessen
haben, dass es bis 1986 selbst ein Nehmerland war.
LVZ: Wollen wir uns auf Dauer Länder leisten, von denen jeder weiß, die
kommen wirtschaftlich allein nie zurecht?
Scholz: Die Diskussion über eine Länderneugliederung habe ich
nie verstanden. In Europa gibt es Staaten, die kleiner sind als deutsche
Bundesländer. Wichtiger als ein Streit über Länderfusionen ist, dass sich jedes
Land anstrengt, um voranzukommen. Pläne für Länderfusionen würden in erster
Linie zu einem jahrzehntelangen Krach über den Sitz von Behörden führen. Den
brauchen wir nicht.
Tillich: Für die Zeit ab 2020 kommt es darauf an, die Ziele
des Paktes neu zu formulieren. Dann muss man auch die Frage stellen, wer
leistet sich von den Ländern mehr und warum tut er das. Es geht doch nicht,
dass das eine Land die Studiengebühren abschafft, aber dafür die Schulden
erhöht, während das andere Land Studiengebühren einführt, um gleichzeitig
Schulden abbauen zu können. Wer sich mehr leisten will, muss auch von seiner
eigenen Bevölkerung einen zusätzlichen Beitrag abverlangen. So einfach ist das.
Grundvoraussetzung muss aber sein, dass die strukturellen Nachteile
ausgeglichen sind. Wer den dritten Autobahnring will oder jedem Schüler einen
Lehrer zur Seite stellen möchte, der muss dann schon selbst schauen, wie er das
in seinem Land finanziert bekommt.
Scholz: Ich will, dass die Gewerbesteuer erhalten bleibt.
Diese kommunale Steuer brauchen wir als Basis für die Infrastrukturentwicklung.
An der Struktur der Steuerhoheit sollte nichts geändert werden. Im Übrigen wird
sich die momentan aufgeregte Steuer- und Finanzausgleichs-Debatte etwas
beruhigen, wenn alle begreifen, dass ab 2020 die grundgesetzlich verankerte
Schuldenbremse greift. Wenn die Länder 2020 als Neuverschulder vom Markt gehen,
dann wird die Frage, ob sich der eine oder andere zu viel leistet, irrelevant.
Tillich: Das wäre eine vernünftige Regel, wenn sich alle
Länder tatsächlich auch daran hielten. Wir beide wissen, dass Hamburg und
Sachsen vernünftig arbeiten. Aber andere bilden sich immer noch ein, sich teure
Vergünstigungen zu Lasten anderer Länder gönnen zu können. Manche SPD-regierten
Länder sollten sich ein Beispiel am SPD-regierten Hamburg nehmen.
Scholz: Wir sind kein Beispiel. Die Schuldenbremse bindet
alle.
LVZ: Griechenland wird von der EU zurzeit drastisch kontrolliert. Täte
ähnliches nicht auch manchem armen aber spendablen Bundesland gut?
Scholz: So sollte man nicht aufeinander gucken. Föderalismus
beruht auf fairem Umgang.
Tillich: Die nächsten zwei bis drei Jahre werden der
Lackmus-Test für das verfassungstreue Verhalten der Länder, wenn es um die
Einhaltung der Schuldenbremse geht. So stabil wie in Hamburg ist die
Steuer-Struktur aber in vielen anderen Gegenden, insbesondere in
Ostdeutschland, noch lange nicht. Deshalb brauchen wir ein zweites steuerliches
Stabilisierungselement für den nächsten Länderfinanzausgleich. Die extreme
Abhängigkeit von der Gewerbesteuer muss aufgelöst werden. Die Einkommenssteuer
ist bei uns anders als in Hamburg bei weitem nicht so sprudelnd.
Scholz: Dafür gibt es ja den von uns gemeinsam geschätzten
Länderfinanzausgleich.
LVZ: 2020 wird es einen neuen Länder-Solidarpakt geben, auch mit Bayern?
Tillich: Nur keine Provokationen. Es wird auch nach 2020 mit
Sicherheit einen Länderfinanzausgleich geben, eine Anschlussregelung für den
klassischen Solidarpakt I und II zugunsten der ostdeutschen Länder brauchen
wir, so hoffe ich, dann aber nicht mehr.
Scholz: Ja. Wenn alle dabei vernünftig bleiben, dann geht das
auch. Hamburg wächst. Das Wachstum müssen wir begleiten können. Dazu brauchen
wir beispielsweise ein großes Wohnungsbauprogramm. Wir haben wachsende
Schülerzahlen und brauchen folglich mehr Lehrer.
Tillich: So unterschiedlich ist die Entwicklung in
Deutschland: Wir haben mit Dresden und Leipzig die beiden Geburtenhauptstädte
Deutschlands, gleichzeitig leert sich der ländliche Raum. Für Sachsen wünsche
ich mir, dass wir nach 2020 so gut wie Hamburg dastehen und zum Geberland
werden können. Irgendwann möchte man eben aus dem Hotel Mama ausziehen.
LVZ: Nach 2020 wird es also einen solidarischen Finanzausgleich geben und
die Zahl der Bundesländer wird auf immer und ewig festgeschrieben sein?
Scholz: Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und
Mecklenburg-Vorpommern schließen gerade einen erneuerten Staatsvertrag über die
Metropolregion Hamburg. So etwas ist viel vernünftiger, als fruchtlose Debatten
um die Länderneugliederung.
Tillich: Ich halte nichts von einer Debatte um Länderfusionen.
Es geht schließlich um Identitäten. Aber eines erwarte ich schon: Alle Länder
müssen sich an die Schuldenbremse halten, sonst ist Schluss mit der
Solidarität.
LVZ: Schleswig-Holstein ist eines der „Arme-Schlucker-Länder“ der
Gemeinschaft. Wenn Kiel aber so viel wie Dresden aus dem Länderfinanzausgleich
erhielte, wäre man im Norden überglücklich. Ist das auf Dauer verträglich?
Scholz: Für die Entwicklung in Schleswig-Holstein bin ich
optimistisch. Und: Es gibt die Zusammenarbeit im Norden.
Tillich: Sachsen ist im Vergleich zu Schleswig-Holstein
wirklich nicht bevorzugt beim Länderfinanzausgleich, aber wir müssen eben den
Neuaufbau ab 1990 schultern. Als Ministerpräsident von Sachsen muss ich
wirklich kein schlechtes Gewissen haben. Wir haben mit den uns anvertrauten
Mitteln keine Schulden bezahlt, sondern mit sichtbarem Erfolg in die
Entwicklung des Freistaates Sachsen investiert.
Das Gespräch führten Dieter Wonka und Frank Lindscheid.