
Sehr geehrter Herr Präses,
sehr geehrte Mitglieder des Ehrenamtes,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
350 Jahre Handelskammer – das ist heute noch nicht das Thema. Trotzdem begleitet mich der Gedanke daran ständig, da Sie mich für den 19. Januar 2015 bereits eingeladen haben.
Das ist schön. Aber noch drei Jahre das Pulver trocken halten? Auf historische
Anspielungen verzichten? Das ist schwierig, zumal das heutige Thema „Hamburg
und seine Nachbarn“ heißt. Da drängt sich die Geschichte nämlich ganz von
selbst ins Bild.
Altona war vor 347 Jahren der wichtigste Nachbar. Und kein ungefährlicher. Seit
einigen Monaten besaß Altona das Stadtrecht und der dänische König hatte sich
schon etwas dabei gedacht, seiner Stadt das Stapel- und Umschlagsrecht, Zoll-
und Gewerbeprivilegien zu gewähren. Europas erster Freihafen entstand, aus Hamburger
Sicht, „all to nah“ – einer Legende nach ist die Stadt deshalb zu ihrem Namen
gekommen.
Wer
sind heute unsere wichtigsten Nachbarn? Ich will versuchen, sie schrittweise
heran zu „zoomen“ und beginne, wie die Kameraleute sagen, mit einer „Halbtotalen“.
Hamburg ist Teil des Europäischen Einigungsprojektes. Unsere Nachbarn sind
unsere Partner. Das gilt für Schleswig-Holstein, Niedersachsen und
Mecklenburg-Vorpommern und es gilt für Dänemark, Schweden, Polen,
Tschechien und alle anderen, für die Hamburg – zum Beispiel durch seinen Hafen
– das Tor zur Welt ist.
Die Metapher ist nicht neu und die Funktion im Prinzip auch nicht. Aber dass wir
in viel größerem Rahmen denken und kooperieren können als, zum Beispiel, 1965 –
das war 300 Jahre nach Gründung der Handelskammer, aber mitten im „Kalten
Krieg“ und lange vor dem Verschwinden all der eisernen Vorhänge, Zäune, Zollgrenzen
und Handelsschranken – dass es die nicht mehr gibt, ist und bleibt ein riesiger
Fortschritt für uns.
Das gilt mit Blick auf den Wandel zur Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Reise-
und überhaupt: Freiheit. Dass wir jetzt auf dem Marktplatz von Breslau in der
Sonne sitzen können, oder auf der Terrasse von Thomas Manns Sommerhaus auf der
Kurischen Nehrung, und es gar nicht mehr wichtig ist, auf welchem Staatsgebiet
wir uns befinden, denn wir sind im vereinigten Europa – das war vor zwanzig
Jahren noch ein Wunder und es sollte nie so sein, dass wir es gar nicht
mehr besonders würdigen.
Auch im wörtlichen Sinne rücken wir dichter an unsere Nachbarn. Ich meine damit
die Verkehrsverbindungen. Heute ist Dänemark die treibende Kraft hinter dem
Plan, mit einem Tunnel unter dem Fehmarnbelt die Verkehrsverbindung mit
Skandinavien wesentlich zu ertüchtigen und schneller zu machen. Davon wird der
ganze Norden profitieren, auch die Metropolregion rund um Hamburg mit ihren
demnächst fünf Millionen. Aber auf die komme ich noch.
Es stimmt, Europa und unsere gemeinsame Währung bringen uns zurzeit um manchen Schlaf. Es ermuntert mich zu sehen, dass wir in wesentlichen Punkten einig sind. Zum Beispiel was die sehr begrenzte Zukunftsfähigkeit des Schuldenmachens betrifft.
Meine Damen und Herren,
die Schuldenkrise ändert nichts an meiner Überzeugung: Hamburgs Zukunft ist eng mit der Zukunft des Europäischen Einigungsprojektes verknüpft. Der Euro ist nicht irgendein Zahlungsmittel, er ist weit mehr als nur eine gemeinsame Währung. Er ist unsere Währung, so wie die D-Mark unsere Währung war. Er ist ein Meilenstein der Europäischen Integration und wir werden seine Entwicklung auch wieder als Erfolgsgeschichte erleben.
Hamburg ist eine europäische Metropole, Teil eines Europa mit mehr als 500 Millionen
Einwohnern und 220 Millionen Arbeitskräften. Und der Blick unserer Stadt wird
immer auf Europa gerichtet sein. Und nicht an einer nationalen Grenze halt
machen. Was in Barcelona und Budapest los ist, interessiert uns nicht weniger
als Stuttgart und sein Bahnhof.
Aktuell setzen wir – mit Hilfe der EU – Meilensteine der Nordeuropäischen Integration. Zum Beispiel mit dem Ausbau der Verkehrsverbindungen.
Transeuropäische Netze Verkehr: Hamburg/ Schleswig-Holstein in den Korridoren 4 und 5
Von besonderem Interesse ist der Korridor 5 von Helsinki bis Valletta, dieser umfasst:
- Die feste Querung über den Fehmarn Belt
- Die Strecke Kopenhagen Hamburg via Fehmarn plus Zuführung (Eisenbahn)
- Weiterhin ist dort die Eisenbahnverbindung Hamburg/Bremen Hannover (Y-Trasse)
aufgeführt
Die zentralen Vorhaben für den norddeutschen Raum sind daher Bestandteil der „Voridentifizierten Projekte im Kernnetzwerk“. Außerdem ist in Korridor Nr. 4 der Ausbau der Elbe auf der Strecke Hamburg-Prag-Pardubice aufgenommen worden.
Ferner sind sechs deutsche Häfen in das Kernnetz mit aufgenommen worden:
Und die EU hat folgerichtig ihr Einvernehmen mit der Fahrrinnenanpassung erklärt.
Meine Damen und Herren,
damit habe ich jetzt schon die etwas engeren Nachbarn herangezoomt: die norddeutschen Nachbarländer.
Weltweit organisieren sich Regionen, um den gemeinsamen Wirtschaftsraum und
Arbeitsmarkt zu entwickeln. Das Ziel ist überall, international sichtbar zu
sein, die Wettbewerbsfähigkeit, die Investitionen und Arbeitsplätze zu sichern.
Auch der Norden Deutschlands ist längst zu einem gemeinsamen Wirtschaftsraum
und Arbeitsmarkt verschmolzen.
Und deshalb müssen wir bei größeren Entscheidungen im gesamten Norden bedenken,
wie der größtmögliche Nutzen für die Gesamtregion entstehen kann.
Dabei sind Kooperation auf der einen, Wettbewerb auf der anderen Seite nicht notwendig Gegensätze, auch nicht im Verhältnis der fünf norddeutschen Länder. Ziel muss es sein, die beste Lösung – also auch den besten Standort – zu finden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Region insgesamt zu stärken.
Hamburg weiß, in wie vielen Bereichen es existenziell auf eine Kooperation mit seinen Nachbarn angewiesen ist.
Meine Damen und Herren,
umgekehrt braucht aber nicht nur das „Umland“ – wie wir es manchmal nennen, ohne es despektierlich zu meinen –, braucht nicht nur das „Umland“, sondern der ganze Norden die Wirtschaftslokomotive Hamburg. Der ganze Norden profitiert von der Attraktivität und Sogwirkung der Metropole.
Ich rede von einem einheitlichen Wirtschaftsraum mit intensiven Verflechtungen
und Interdependenzen. Und da geht es um:
Aber welche laufenden oder angestrebten Kooperationsprojekte haben wir konkret,
und wie sieht es im Detail mit der Übereinstimmung aus?
Ein nicht unbedingt neues Feld, das jetzt aber auch in norddeutscher Kooperation neu und intensiv beackert werden muss, ist die Energiewende. Namentlich bei der Windenergie scheint mir eine gemeinsame Politik der norddeutschen Länder anstrebenswert zu sein. Dies allein schon wegen der immensen Aufgabe, Windstrom nicht nur zu erzeugen, sondern auch in die Netze zu bringen.
Hier geht es um industrie- und energie- und klimapolitische Ziele. Bei den erneuerbaren Energien geht es ja um Hightech, es geht unmittelbar um die Kompetenz, moderne Technik in Deutschland zu entwickeln und anzuwenden.
Gerade aus der Sicht der norddeutschen Länder spielt die Windkraft dabei eine
entscheidende Rolle, egal ob On- oder Offshore. Wir müssen sicherstellen, dass
wir in Zukunft tatsächlich zu einer großen Zahl von Windkraftanlagen in der
Nordsee und in der Ostsee kommen, denn im Offshore-Bereich liegen die größten
Potenziale.
„Die Entwicklung der Offshore-Windenergie“, sagt der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik, Zitat, „ist eine große Herausforderung für Anlagenhersteller und Netzbetreiber. Unscharfe Randbedingungen erschweren gelegentlich konkrete Projektplanungen und -entwicklungen.“
Das kann man laut sagen, und dass es bisher so schleppend vorangeht, ist kein
gutes Zeichen für das, was wir regulatorisch, industriell und finanziell
zustande gebracht haben.
Windstrom muss aber in die Netze, sonst gibt es im Norden und in ganz
Deutschland keine Energiewende.
Im Ostseeraum ist 50Hertz Offshore für die Aufgabe der Netzanbindung, aktuell von Baltic 2, gesetzlich und operativ zuständig. Etliche bedeutende Projekte gibt es in der Nordsee. Dort muss Tennet die Offshore-Anlagen an das norddeutsche Festland anschließen.
Hier muss sich unsere Kooperation bewähren, denn unsere Region ist die
Schnittstelle im Netz der Projektplaner, Technikhersteller, Netzbetreiber und
Genehmigungsbehörden.
Die nächste Frage ist dann die der Speicherung. Sie kennen unser
Energiewendekonzept. Hamburg wird auf diesem Gebiet voran gehen und an den
Kraftwerkstandorten innovative Speichertechnik – „Wind zu Wärme“ und „Power to
Gas“ – installieren und testen.
Der Wind weht nicht nur, wenn die aus ihm erzeugte Energie gebraucht wird. Wir benötigen also Speicher und zwar nicht weit weg in den norwegischen Bergen – so sehr das Land natürlich auch zu unseren nördlichen Nachbarn gehört – sondern in den Verbrauchszentren. Also zum Beispiel in Hamburg.
Das
gemeinsame Ziel muss sein: Norddeutschland ist die weltweit führende
Windenergieregion.
Meine Damen und Herren,
an der Unterelbe wird sich 2012 die Zusammenarbeit mit den Nachbarländern sehr verstärken. Die Länder Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben vereinbart, dass sie mit dem regionalen Schwerpunkt Unterelbe eine gemeinsame Industriepolitik beginnen wollen.
Älteren oder historisch Interessierten mag das bekannt vorkommen. Wir wollen es jetzt besser machen. Im Zentrum steht die Gründung eines Drei-Länder-Clusters im Bereich Chemie mit der gesamten Wertschöpfungskette von der Grundstoffchemie bis zum Windmühlenflügel. Darüber hinaus wollen wir die Chancen nutzen, die die Energiewende für den Norden bereithält: die Ansiedlung von energieintensiven Unternehmen.
Wir wollen uns auf Energie-Technik konzentrieren, insbesondere auf die Prozesse, die mit der Speicherung von Windenergie zusammenhängen. Ich denke dabei namentlich an Wasserstoff. Wir wollen in Zukunft die Energiezentrale Deutschlands werden und hier auch den wissenschaftlichen Bereich stärken.
Darüber hinaus wollen wir die Thesen aus dem Dokument der Kammern der Unterelbe unterstützen: „Die Zukunft liegt an der Küste“. Die Kammern vertreten in dem Papier vom Dezember 2009 die Auffassung, dass exportintensive Unternehmen künftig an einer Kaimauer produzieren werden, weil die Transportkosten im Inland überproportional teuer sind im Vergleich zu den Seetransporten.
Solche Vorhaben erfordern die Beratung und Beteiligung durch die Unternehmen
selbst.
Meine Damen und Herren,
damit gehe ich zum nächsten Bildausschnitt über: zur eben schon erwähnten Metropolregion Hamburg, in der wir demnächst Lübeck und weitere Landkreise aus Schleswig-Holstein und Meckenburg-Vorpommern begrüßen. Dann sind wir fünf Millionen!
Ich finde das sehr erwähnenswert. Lassen Sie uns, wenn von Hamburg in der Welt
die Rede ist, nicht nur von Hamburg selbst mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern
sprechen, sondern von der Metropolregion Hamburg, in die der Stadtstaat eingebettet
ist. Mit fünf Millionen wird das eine Region, die mehr Einwohner hat als –
jenseits des
Belts – die Metropolregionen Stockholm, Göteborg und Malmö gemeinsam zusammenbringen.
Zusammenbringen mit Schweden, und Dänemark, werden unsere Region einige der eben genannten Verkehrsprojekte. Wichtig sind hierzulande:
Die AKN nach Kaltenkirchen wird weiterhin zügig
zweigleisig ausgebaut. Bis Quickborn soll das Anfang 2013 weitestgehend fertig
sein.
Wir haben alle Möglichkeiten, mit nachbarlicher Zusammenarbeit über Grenzen
hinweg unsere Stärken zu bündeln und zu nutzen.
Dazu gehört auch der Wunsch von Herrn Melsheimer, die Wirtschaft stärker in die
konkrete Arbeit der Metropolregion einzubinden. Ich weiß, dass die
Handelskammer einen Vorschlag zur Reform der Gremien der Metropolregion
erarbeitet hat und dass dies auch bei der IHK Lübeck, bei der ich gestern zu
Gast war, auf Zustimmung gestoßen ist.
Wir werden gemeinsam die Metropolregion weiter entwickeln, denn sie hat als hochgradig vernetzter Wirtschaftsraum für uns hohe Bedeutung. Hamburg hat ein ureigenes Interesse an einer prosperierenden Metropolregion.
Meine Damen und Herren,
bei all dem muss man immer den Alltag der Bewohner im Blick haben, gerade auch vor Ort und im Kleinen. Wenn wir sagen, dass die direkten Stadt-Umland-Beziehungen einen „dynamischen Verflechtungsraum“ bilden, darf das nicht bedeuten, dass man den Leuten dort verwaltungs- oder verkehrsmäßig auf den Wecker fällt. Im Gegenteil, es muss bedeuten, dass die Landesgrenzen den Alltag der Bürger und Unternehmen nicht beeinträchtigen.
Schon heute arbeiten Hamburg und die benachbarten Kreise und Gemeinden
vielfältig zusammen. Ich nenne Feuerwehr und Rettungsdienste, Wasserversorgung
– zu der wir auch die Nordheide brauchen - und Entwässerung, Straßenverkehr und
Bauleitplanung.
Mutige politische Entscheidungen in der Verwaltungszusammenarbeit – da bin ich sicher – sind mit Blick auf Effizienz und Haushalt im gemeinsamen Interesse.
Meine Damen und Herren,
lassen Sie mich zum Schluss einen weiteren Bildausschnitt wählen: die Großstadtachsen, von Hamburg aus einmal nach Berlin, und dann nach Kopenhagen/Malmö.
Berlin und Hamburg sind
eine natürliche gemeinsame Region und das wirtschaftliche und kulturelle
Kraftzentrum Deutschlands. Ich habe die fünf Millionen Einwohner der
Metropolregion Hamburg erwähnt und werde es in Zukunft noch oft tun. Zusammen
mit der Metropolregion Berlin bringen wir achteinhalb Millionen in Bewegung und
damit sind wir auf Augenhöhe mit einem so starken Nachbarn wie Schweden. Und
das alles beinahe in Pendlerdistanz.
Hamburg – Kopenhagen – Malmö: Man muss gar kein Fan der Wallander-Romane sein, sondern nur auf die Landkarte gucken, um zu ahnen, welch eine dynamische Wirtschaftsregion sich entlang der Vogelfluglinie entwickelt. Und welche Chancen für Wachstum und Beschäftigung sich in einer so gedachten Region bieten.
Der organisatorische Rahmen für das Zusammenwachsen dieser Regionen ist die Organisation STRING (Southwestern Baltic Sea Trans Regional Area – Implementing New Geography), in der die schwedische Region Schonen, die dänischen Regionen Seeland und die Hauptstadtregion mit uns zusammenarbeiten. Wichtigstes Projekt von STRING ist die erwähnte Querung des Fehmarnbelts – damit werden wir perspektivisch eine wirtschaftsgeographische Region in Nordeuropa. Flankierend zu dem großen Verkehrsprojekt kooperieren wir intensiv auf den Feldern Transport, Forschung, Kultur, Tourismus und regionale Entwicklung.
Dass sich die Ostsee, übrigens, noch viel weiter ausbreitet, ist uns natürlich
auch bewusst. Sie ist ja fast ein EU-Binnenmeer geworden und wenn ich an St.
Petersburg denke – Russlands Schaufenster und Bekenntnis zu Europa – ergeben
sich aus der Öffnung unserer Region zum Ostseeraum noch große weitere Chancen.
Meine Damen und Herren,
im vereinigten Europa der Regionen sind Ländergrenzen nicht mehr entscheidend. Gemeinsame Interessen mit den Nachbarn – egal welche man jeweils im Blick hat – lassen sich verwirklichen. Wenn man sie als solche erkennt und ich glaube wir sind auf gutem Wege. Vielen Dank.
Es gilt das gesprochene Wort.